DIE ZEIT: Das Kölner Auktionshaus Lempertz ließ diesen Herbst in seiner belgischen Dependance einen Schrumpfkopf der Jivaro für knapp 20.000 Euro versteigern. Wozu wurden diese Schrumpfköpfe einst hergestellt?

Viola König: Ursprünglich handelt es sich bei diesen Tsantsas um Präparate, die einige Gruppen im Amazonasgebiet aus den Schädeln getöteter Feinde herstellten. Man wollte dadurch einerseits verhindern, dass der tote Feind noch Rache üben konnte. Andererseits wollte man in den Besitz der im Kopf des Getöteten befindlichen Energie gelangen. Die ersten Weißen, die mit diesen Köpfen in Kontakt kamen, waren nicht nur schockiert, sie wollten sie auch unbedingt erwerben. In der Folge stiegen dann sogar die Tötungsdelikte bei den Jivaro, um mehr Schrumpfköpfe verkaufen zu können. Bis das unterbunden wurde.

ZEIT: Die Schrumpfköpfe wurden also zu Souvenirs, zu einer frühen Art von Flughafenkunst?

König: Genau. Achtzig Prozent der Schrumpfköpfe seien Fälschungen, schätzte die nordamerikanische Spezialistin Kate Duncan bereits 2001. Fakes finden sich in Handel und Privatbesitz, aber auch in den Museen. Es sind Präparate ganz unterschiedlicher Art, hergestellt aus Köpfen von Faultieren und Ziegen oder aus menschlichen Schädeln, die Friedhöfen entnommen wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchten Schrumpfköpfe im Antiquitätenhandel von Lima auf, in den 1950er-Jahren gab es sie in Deutschland etwa am Hamburger Hafen zu kaufen. Auch die Rezeptur für den Prozess der Schrumpfung war bekannt. Heute müsste im Grunde jeder Schrumpfkopf auf sein Material hin untersucht werden. Wenn die Analyse ergibt, dass es sich um einen Ziegenkopf handelt, fällt womöglich auch der Versicherungs- oder Verkaufswert.

ZEIT: Die Stadt München hat 2014 die Versteigerung eines Schrumpfkopfes wegen des Bestattungsgebots verhindert. Auch Auktionshäuser wie das Wiener Dorotheum verzichten in letzter Zeit auf solche Objekte. Darf man sie überhaupt verkaufen?

König: Noch 2016 erzielte das Dorotheum für einen angeblich "echten, zeremoniellen Tsantsa aus dem 19. Jahrhundert aus deutschem Familienbesitz" 25.000 Euro. Rechtlich ist das bislang kein Problem, denn bei den Köpfen handelt es sich ja nicht um antike Objekte, welche gemäß Unesco-Kulturschutzabkommen nach 1970 nicht mehr außer Landes gebracht werden dürfen. Auch fällt das verwendete Material nicht unter das Artenschutzabkommen. Ich persönlich bin gegen jeglichen Verkauf ethnologischer Objekte in Europa, denn sie wurden ursprünglich nicht für den Verkauf, sondern für einen anderen, häufig rituellen Kontext angefertigt. Händler und Sammler scherten sich wenig um ihre originäre Funktion. Unsere Kultur, in der dieser Handel gestattet ist, missbraucht die Gegenstände.

ZEIT: Selbst wenn es sich bloß um Kopien handelt?

König: Auch dann. Nicht nur weil der Unterschied zu einem Original in Europa für die wenigsten erkennbar ist, sondern auch weil Form, Funktion und Kraft vom Schöpfer häufig als nicht veräußerbar galten. Dieser Handel mit indigenen Objekten ist eine europäische Erfindung. Selbst wenn sie zu Kunstwerken erklärt wurden oder die Nachfrage nach Kopien stimulierten, bleibt dies eine Aneignung des Westens, die ihm nicht zusteht. Der Handel sollte gesetzlich unterbunden werden.