Es gibt in Iwan Turgenjews Welt keinen Winter. In all seinen Werken, in den berühmten Romanen Adelsnest oder Väter und Söhne, seinen zahlreichen Erzählungen, blüht es meistens, manchmal ist die Hitze so stark, dass Verliebte eine schattige Ecke aufsuchen und dort zuverlässig stockend nach Worten suchen. Die langen, unerbittlichen Winter des Ostens werden zumeist übergangen, es geht in dieser Traumlandschaft so lieblich zu wie an der Côte d’Azur. Nur selten gibt es die "grimmige Stille wolkenloser Fröste", die "wie von Bissen geröteten Gesichter", "den eiligen Trab durchgefrorener Pferde". Es scheint, als sei nur in den kurzen, warmen Jahreszeiten überhaupt eine Handlung oder Gemütsregung denkbar, in der rasch dahinschwindenden Zeit vor der eisigen Erstarrung.

Turgenjew galt den Russen als liberaler "Westler". Er lebte, von kurzen Heimatbesuchen abgesehen, im Ausland, in Berlin, Paris, in Baden-Baden. Über Russland schrieb er aus der Ferne, was leicht zu begreifen ist angesichts der politischen Misere, in die er geraten war. Als glühender Feind der Leibeigenschaft war Turgenjew vom Zaren einmal verhaftet worden, durfte dann mehr als ein Jahr lang sein Gut in Spasskoje nicht verlassen. In der Verbannung klagte der 33-Jährige über ungeheure Schneemassen, die "dunkle Kälte" und Einsamkeit. Er fühlte sich fremd, nicht nur klimatisch wie verpflanzt. Dem Gut war er seiner Mutter wegen früh entflohen, die unausgeglichen, tyrannisch und, was der Tyrannei immer behilflich ist, sehr intelligent war. Sie herrschte über Tausende von Leibeigenen mit roher Gewalt – ein sadistisches Regime, das sich mit Selbstverständlichkeit auch auf die Erziehung der Kinder erstreckte. Es habe, erinnerte sich Turgenjew, keinen Tag in seiner Kindheit gegeben, an dem er nicht geprügelt worden sei.

Zu Turgenjews 200. Geburtstag sind in diesem und im vergangenen Jahr mehrere Neuübersetzungen erschienen. Auch die kurz nach seiner Verhaftung veröffentlichten Aufzeichnungen eines Jägers sind neu verlegt worden, das Buch, das Turgenjew über Russland hinaus berühmt gemacht hat. Neu war an diesem Erzählungsband nicht, dass die Leibeigenschaft kritisiert wurde, auch nicht, dass das niedere Volk, die Bauern und Knechte, Mägde und Stallburschen, dargestellt wurde. Als neu und ungeheuerlich galt die Empathie, die ein Autor nicht nur den Gutsherren, sondern den Unterdrückten und Geprügelten entgegenbrachte. Ein Jäger trifft in diesen Erzählungen auf Protagonisten, die aus ihrem Leben berichten, nicht selten sind es resignierte, sich dem Schicksal ergebende Gestalten. So entfaltet sich nach und nach das ganze ländliche Gesellschaftspanorama Russlands. Die Erzählungen laufen nicht immer auf eine bestimmte oder gar unerwartete Pointe hinaus, sie sind häufig nicht einmal von einem Handlungsbogen beseelt. Es gibt darin Dialoge, die eher Interviews gleichen. Man hat zwischenzeitlich den Eindruck, nicht Erzählungen, sondern kunstvolle, mit emphatischen Naturdarstellungen angereicherte Sozialreportagen vor sich zu haben. Die Gefahr, die von diesem realistischen Werk, das nur auf trickreichen Umwegen zur Publikation gelangen konnte, ausging, hat die Zensurbehörde übrigens klar erkannt: "Ist es angebracht", wird in einem Bericht gefragt, "zu zeigen, dass unsere Einhöfer und Bauern, die der Autor in einem Maße poetisiert, dass er Administratoren, Rationalisten, Romantiker, Idealisten, Enthusiasten und Träumer in ihnen sieht (weiß der Himmel, wo er solche gefunden hat)?"

Turgenjew galt im Westen des 19. Jahrhunderts zeitweise als der russische Autor schlechthin. Die Brüder Edmont und Jules de Goncourt charakterisierten den 45-Jährigen in ihrem Journal als "charmanten Koloss", als "sanften Riesen mit weißen Haaren; er sieht aus wie ein altes, sanftes Genie aus einem Wald oder von einem Berg; er sieht aus wie ein Druide und ein guter alter Mönch in Romeo und Julia". Als allzu kurios muss man ihn sich allerdings nicht denken, der überaus vermögende Turgenjew war gesellschaftlich umtriebig, hatte gleichermaßen eine Neigung zu lebhafter Feindschaft (mit Dostojewski) und lebhafter Freundschaft (mit Flaubert). Verheiratet war er nie, dafür verzehrte er sich 40 Jahre lang nach einer Frau, die bereits liiert war: der Opernsängerin Pauline Viardot. "Ich bin", resümierte Turgenjew, "dem Willen dieser Frau unterworfen. Ich kenne nur wirkliches Glück, wenn mir eine Frau die Ferse in den Nacken setzt und mein Gesicht nasevorn in den Schlamm taucht."

Die Spott heraufbeschwörende, unkonventionelle Dreier-Beziehung zwischen den Viardots und dem Dichter, der dem Ehepaar immerzu hinterherreiste (was nicht immer goutiert wurde), war zeitweise dramatisch verspannt und unfreiwillig komisch – Ursula Keller und Natalja Sharandak haben den Liebeswirrwarr in einer unterhaltsamen Doppelbiografie jetzt nachgezeichnet. Die von Vera Bischitzky neu übersetzte Adoleszenzgeschichte Turgenjews, Erste Liebe (C. H. Beck), führte übrigens einst zu einem peinlichen Streit zwischen dem Dichter und dem Gatten, der sich sehr über das Sujet beklagte: "Wieder der Ehebruch, immer wieder der blühende, verherrlichte Ehebruch." Ansonsten verstand man sich nicht so schlecht und teilte nicht nur die Frau, sondern auch die Jagdleidenschaft.

"Nach 40 Jahren", schrieb Turgenjew an Flaubert, "gibt es nur ein Wort, das den Inhalt des Lebens zusammenfasst: verzichten." Das war auf ihn selbst bezogen, aber es trifft auch auf zahlreiche seiner Protagonisten zu, denen allesamt, von wenigen Nebenfiguren abgesehen, kein Liebesglück von Dauer widerfährt – meistens deshalb nicht, weil sich einer der Verliebten den entscheidenden, alles verändernden Schritt doch nicht traut oder ihn sich aus Prinzipientreue versagt. Der Roman Das Adelsnest (der in der neuen, geglückten Übersetzung von Christiane Pöhlmann unnötigerweise zu Adelsgut umgedichtet wurde) war das erfolgreichste Buch zu Turgenjews Lebzeiten. Die Handlung ist – wie fast immer bei Turgenjew – konventionell und verrät nichts über den Roman: Der Gutsbesitzer Lawrezki zieht nach dem Ehebruch seiner Frau aus Paris zurück nach Russland und findet dort tragischerweise die Liebe seines Lebens. Irritierend ist bei Turgenjew nie der Plot, es ist der milde, durch und durch menschenfreundliche, empathische Blick auf seine Protagonisten. Turgenjew sind die Kälte, der zynische Humor, wie ihn Flaubert oder Balzac entfalteten, völlig fremd. Seine Menschen sind gut, und weil sie so gut und weich und zur Intrige gänzlich unfähig sind, sind sie am Ende auch so unglücklich. Sie sind, um es modisch zu sagen, völlig uncool. Im Adelsnest wird der verschlagene Westen dem hemmungslos melancholischen und aufrechten Slawischen gegenübergestellt. Nichts ist nur Kalkül.

In der Welt von Turgenjew ist es immer Frühling. Und der junge Nihilist Basarow aus Väter und Söhne (von Ganna-Maria Braungardt neu bei dtv übersetzt), der berühmte Basarow, dem nichts heilig ist, keine Konvention, keine Gebräuche, kein Glaubensgrundsatz, stirbt am Ende letztlich daran, dass er sich hemmungslos verliebt hat, was er doch mit aller Kraft verhindern wollte. Turgenjews russische Protagonisten sind so sympathisch schutzlos, weil sie sich – gegen ihren Willen – im Liebesaugenblick hoffnungslos melodramatisch, hoffnungslos beschämend offenbaren. Sie leiden an ihrer unromanischen Offenheit. Sie zeigen, dass wir, trotz aller Abhärtung, gegen Naturgewalten nicht ankommen.

Ursula Keller, Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot. Insel Verlag, Berlin 2018; 278 S., 25,– €, als E-Book 21,99 €

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. Hrsg. und aus dem Russischen von Vera Bischitzky; Hanser Verlag, München 2018; 640 S., 38,– €

Iwan Turgenjew: Das Adelsgut. Roman; a. d. Russ. v. Christiane Pöhlmann; Manesse Verlag, München 2018; 384 S., 25,– €, als E-Book 17,99 €