Er hat in den Frühstücksraum des Hotels Orania am Kreuzberger Mariannenplatz bestellt, an einen der wenigen wirklich verbotenen Orte in Berlin: Seit seiner Eröffnung im August letzten Jahres wird das Orania, ein Symbol für Investorenarchitektur, für Gentrifizierung und für das behämmerte Berlin, regelmäßig von Schwarzvermummten attackiert, wir sitzen hinter zersplitterten Fensterscheiben. Johann König, 37, Sohn des Kölner Kunstprofessors Kasper König und Neffe des Verlegers Walther König, der Popstar unter den Berliner Galeristen. Zur König-Geschichte gehört, dass er mit zwölf Jahren bei einem Unfall einen Großteil seines Augenlichts verlor, seit einer Hornhaut-Transplantation im Jahr 2009 beträgt seine Sehleistung immerhin wieder 30 Prozent. Für viele, nicht nur in der Berliner Kunstszene, stellt der Galerist eine Herausforderung dar, weil er so offensichtlich Spaß hat am Amoralische-Sprüche-Raushauen, am Künstler-Karrieren-Machen und Richtig-Geld-Verdienen.

Rührei mit Schinken, bitte. Freude kommt auf beim Anblick der lächerlichen Kamine und des Steinway-Flügels. Wie war es denn letzte Woche bei der Kunstmesse in Miami? Er habe vergleichsweise wenig Malerei, mehr konzeptuell-minimalistische Kunst dabeigehabt. Die ganz großen Erfolgsgeschichten hat man aus Miami ja schon länger nicht mehr gehört. Immerhin, einen Anselm Reyle konnte er verkaufen.

In seiner Erzählung: Was ist, nach der Euphorie in den Neunzigerjahren, auf dem Weg Berlins zur Kunst-Metropole schiefgelaufen? Na ja, finanzstarke Sammler aus Amerika fanden es irgendwann nicht mehr so spannend, in Berlin auf Kunst-Safari zu gehen, die Kunstmesse Art Forum Berlin wurde eingestellt. Unerwartete Wendung: Das findet er jetzt, Rührei-Gabel haltend, interessanter, der Provinzialität Berlins durchaus auch etwas Positives abzugewinnen.

Zur Frage, warum es als verwerflich gilt, wenn Galeristen Kunst aus den Galerien direkt in die Auktionen reindrücken: Natürlich, eigentlich müsste man mit ihm, der das Kunststück fertigbringt, gleichzeitig ein Kumpeltyp und sensationell erfolgreicher Kaufmann zu sein, ein umfassendes Gespräch über den Kapitalismus führen – passt aber nicht in ein Frühstück. In diesen "letzten Tagen des Patriarchats" (Margarete Stokowski) ist so ein mächtiger Galerist ja tendenziell immer auch eine Reizfigur, die unter Rechtfertigungsdruck geraten kann. Dass König auffällig viele starke, international agierende Frauen vertritt, Katharina Grosse, Monica Bonvicini, Jorinde Voigt, Alicja Kwade, die Installationskünstlerin Natascha Sadr Haghighian, die den deutschen Pavillon in Venedig bespielen wird: geschenkt. Hat er im #MeToo-Jahr 2018 etwas Neues über Männer und Frauen gelernt? Die Bewegung habe sein Bewusstsein geschärft. Männer, so drückt er das jetzt aus, müssten sehr viel bewusster im Geschlechterverhältnis agieren, als sie das in der Vergangenheit vielleicht getan hätten.

Seine Sehschwäche hat er einmal als sein Erfolgslabel, sein Wiedererkennungsmerkmal bezeichnet: "Die dicke Brille, die ist wie die Goldkette des Rapstars." Dazu gehören schon Kraft und eine beeindruckende Distanz zu sich selber, um so über seine Behinderung zu sprechen. Stimmt die Geschichte, dass er praktisch nie schläft? Die stimmt überhaupt nicht. Der Kurator Hans Ulrich Obrist brauche bekanntermaßen kaum Schlaf – er, König, müsse, im Gegenteil, ganz viel schlafen, am liebsten acht Stunden pro Nacht. Kurze Ratlosigkeit am Steinway-Flügel. Wir versichern uns gegenseitig, was für ein Vergnügen es sei, in diesem perversen Hotel zu frühstücken. Dummes Gelächter, und dann schnell an die Luft.

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