Eppendorf bietet sich an. "Weil dort wenig bombardiert wurde", erklärt Harald Vieth. Er hat zur Rundfahrt eingeladen, mit dem Fahrrad natürlich. Gefütterte Funktionsjacke, Fellhandschuhe, Hollandrad, unter dem Helm ein weißer Bart: Der 81-jährige Autor steht am Hegestieg, zwischen den Hausnummern 12 und 14 – zwei der vielen Jugendstilhäuser, die er auf seinen Rundfahrten durch Hamburg entdeckt hat, beide mit opulenten Eingangsportalen. "Erstaunlich, wie viele von diesen Häusern erhalten sind", sagt er. Die Briten hätten die großzügigen Etagenhäuser und Stadtvillen auch deshalb verschont, weil sie sie nach dem Krieg selbst nutzen wollten. "Und sie hatten gehört, dass in diesen schönen Häusern viele Bürgerlich-Liberale wohnten, die BBC hörten."

Wer sich in Hamburg für Bäume interessiert, kommt an Harald Vieth praktisch nicht vorbei. Vier Bücher über die Flora der Hansestadt hat er in den letzten 23 Jahren geschrieben, die letzten beiden (Hamburger Bäume und Hamburger Grün) sind auch noch zu haben. Außerdem hat er ein Buch über jüdisches Leben in Harvestehude und eines über Hamburgs Vögel verfasst. Jetzt also der Jugendstil – jener kurzlebige, überbordende Baustil, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert alles über den Haufen warf, was es an Bautradition gab, der dem zunehmend funktional gestalteten Städtebau des Industriezeitalters einen verspielten, opulenten Formenreichtum entgegensetzte. Wie kommt man als Freizeit-Ornithologe und -Botaniker darauf, sich mit historischer Architektur zu beschäftigen? "Ich bin durch meine Baumbücher herumgekommen in der Stadt und habe immer wieder gedacht: Was für tolle Häuser!", sagt Vieth. "Und die Leute gehen daran vorbei und wissen das gar nicht zu schätzen."

Tolle Häuser sind es in der Tat. Zweihundert, dreihundert und mehr Quadratmeter haben die Wohnungen in den Jugendstil-Etagenhäusern in der Haynstraße oder in der Isestraße. Wie kam es, dass man seinerzeit so großzügig und aufwendig bauen konnte? Harald Vieth weiß es: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zwang das Deutsche Reich die Franzosen zu hohen Reparationszahlungen. "Nach der Niederlage musste Frankreich fünf Milliarden Goldfranken zahlen – in Deutschland wurden 800 Aktiengesellschaften gegründet", erklärt Vieth. "Das Geld floss auch in diese Häuser – ganz viele Bauten, die wir heute mit Wohlgefallen betrachten, sind auf diesen Raubzug zurückzuführen." Damals wohnten Geschäftsleute, Offiziere und Diplomaten zwischen Stuck und Parkettboden. Heute residieren in den üppigen Wohnungen Anwaltskanzleien, Unternehmensberater, Arztpraxen oder Notare. In einer Stadtvilla am Nonnenstieg mit Freitreppe und neobarocken Säulen vor dem Eingangsportal hat ein chinesisches Stahlunternehmen seine Deutschlandzentrale.

Doch nicht alle Immobilien sind hier meistbietend vermietet worden. Das prachtvolle Eckhaus an der Haynstraße 1 ist die berühmte Ausnahme. Anfang der Siebzigerjahre hat hier eine der ersten Hausbesetzungen in Hamburg stattgefunden. Eine Grundstücksgesellschaft hatte das "hochherrschaftliche Etagenhaus" von 1910 Ende der Sechzigerjahre gekauft, um es abzureißen – doch die Studentinnen und Studenten, die damals dort wohnten, ließen eine Räumung nicht zu. Einige von ihnen leben heute noch hier – ein Transparent an der Hausfront ("Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit") erinnert daran, dass der Prachtbau noch immer ein politisches Projekt ist. Harald Vieth verweist auf die stilisierten Blätter-Ornamente an den Fassaden, auf die geschwungenen Sprossenfenster, auf das großzügige Eingangsportal. Warum um alles in der Welt hat jemand dieses Prachtstück von Haus jemals abreißen wollen? "Die Wohnungen haben vier Meter hohe Decken", erklärt Vieth. "Hätten sie neu gebaut, hätten sie viel mehr Wohnungen reinbekommen – das hätte sich gerechnet, rein vom Kapitalismus her."

Harald Vieth, Jahrgang 1937, ist wohl das, was man einen Mann im Unruhestand nennt. Er hat in Madrid, Paris und London gelebt, 25 Jahre hat er als Lehrer an der staatlichen Fremdsprachenschule am Mittelweg Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch unterrichtet. Italienisch und Portugiesisch kann er lesen. "Eigentlich bin ich ein Sprachenfreak", sagt er. Nach dem Eintritt ins Rentenalter hatte er Zeit. Also hat er Hamburg mit dem Fahrrad entdeckt – für sich und über seine Bücher auch für andere. Auto fährt er grundsätzlich nicht, er hat nicht mal einen Führerschein. "Mein Führerschein ist meine Frau", sagt er. Doch die ist nicht dabei, wenn er stundenlang durch die Straßen und Sträßchen zieht, auf der Suche nach schönen Bäumen, schönen Vögeln – und jetzt nach schöner Architektur.

Nicht alle Hauseigentümer mochten es, dass der Mann mit dem weißen Bart und dem Fahrradhelm ihre Immobilien dokumentiert – einige haben ihm gar untersagt, Abbildungen ihrer Häuser zu drucken.

Vor vielen der prachtvollen Jugendstil-Stadthäuser, die Vieth auf seinem Rundgang zeigt, sind Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen. Etwa vor dem Haus am Isekai Nummer 5: "Dr. Felix Arnheim, Jg. 1864. Berufsverbot 1939. Flucht Belgien. Entrechtet/Gedemütigt, Tot 15.11.1941 Belgien" steht dort. Der jüdische Arzt hatte die ungewöhnliche Backstein-Stadtvilla 1910 gekauft und dort auch seine Praxis eingerichtet. Er floh nach jahrelangem Berufsverbot durch die Nazis nach Belgien und starb verarmt in einem Altersheim. Seine Frau und seine Tochter wurden im KZ ermordet.

Es gibt Jugendstil-Etagenhäuser im Generalsviertel in Eimsbüttel, in Altona, St. Georg, Winterhude, Uhlenhorst und Hohenfelde. Aber nirgendwo fallen sie so großzügig aus wie zwischen Harvestehude und Eppendorf. "Es war sehr schwierig, eine Auswahl zu treffen, es gibt Hunderte von Baudenkmälern aus der Gründer- und Jugendstilzeit", sagt Harald Vieth. Er steht in der Eingangshalle des imposanten Wohngebäudes an der Heilwigstraße, das vom Alsterkanal aus gesehen wie ein Wasserschloss wirkt, und zeigt auf die schimmernd grünen Kacheln, die weißen Wandsäulen, die tropfenförmigen Lampen, den Stuck an den Wänden. "Man hat sich sehr viel Mühe gemacht damals", sagt er bewundernd.