Klar: Die Mauer fiel 1989. Aber wie lange war die DDR da eigentlich schon im Untergang begriffen? Wissenschaftler wie Gerd Dietrich finden, das Jahr 1976 müsse stärker in den Blick kommen. Der Berliner DDR-Historiker Karsten Krampitz etwa sagt: All das, was später zum Ende dieses Staates führte, "war 1976 bereits wie unter einem Brennglas zu besichtigen. Die Misserfolge, die Selbstüberschätzung, der intellektuelle Bankrott." Krampitz hat darüber ein Buch verfasst: 1976. Die DDR in der Krise. Darin schreibt er, wie im "Schicksalsjahr" ein Land, das sich im Aufbruch wähnt, bitter enttäuscht wird.

Die Siebziger beginnen eigentlich mit der Hoffnung auf Reformen. Ein Machtwechsel hat sich vollzogen, von Walter Ulbricht zu Erich Honecker. Der Neue lockert den restriktiven Kurs seines Vorgängers – zumindest ein wenig. Anfang der Siebziger steigt die Zahl der verkauften Fernseher, Autos und Kühlschränke. Und Honecker sendet Signale an Kulturschaffende. Es dürfe, sagt er 1971, "auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben". So gibt er persönlich den Film Die Legende von Paul und Paula zur Vorführung frei. Dabei erzählt die Liebesromanze zwischen den Zeilen, dass jeder für sein eigenes Schicksal verantwortlich ist – das Gegenteil sozialistischer Ideologie. "Honecker hoffte, dass Menschen, die besser leben, auch besser arbeiten", sagt Krampitz. Und so gibt es in dem Land "vielleicht keinen Frühling, aber immerhin eine kleine Schneeschmelze". Aber das Jahr 1976 zeigt, dass all diese Änderungen für keine grundsätzliche Besserung stehen. Die Probleme und das Unrecht der DDR konzentrieren sich in dieser Phase.

Da sind zwei Grenztote, die das Übel des Regimes sichtbar machen. Im April wird Michael Gartenschläger von einem Spezialkommando erschossen. Er war in der DDR aufgewachsen, lebte inzwischen im Westen und hatte bereits mehreren DDR-Bürgern zur Flucht verholfen. Zudem hatte er zwei Selbstschussanlagen vom Grenzzaun abmontiert, von dem er eine dem Spiegel verkaufte, der damit erstmals deren Existenz bewies. Als Gartenschläger sich der Grenze ein weiteres Mal nähert, wird er von Sicherheitskräften erwartet – und stirbt.

Benito Corghi, ein italienischer Fernfahrer, passiert am 5. August die DDR-Grenze Richtung Westen. Weil er seine Dokumente am Grenzposten vergessen hat, kehrt er noch einmal um. Allerdings zu Fuß, was verboten ist. Corghi weiß das nicht. Als er vor der erhobenen Waffe des Grenzers erschrocken wegläuft, treffen ihn tödliche Schüsse. Die beiden Grenztoten, sagt Krampitz, "haben einer Menge Leute zum ersten Mal gezeigt, dass die DDR ein unmenschliches Grenzsystem hatte".

Eine Zäsur wird der 18. August 1976. An diesem Tag übergießt sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin, zündet sich an und stirbt Tage später. Die Selbstanzündung soll ein Protest gegen die Ausgrenzung kirchlicher Schüler an DDR-Schulen sein. Weil Brüsewitz’ Tod das Land aufwühlt, veröffentlicht die SED Wochen später einen abfälligen Kommentar: Der Pfarrer habe "nicht alle fünf Sinne beisammen" gehabt. Der Kommentar erregt die Wut der evangelischen Kirche. Am 11. September distanziert sie sich in einem Brief, der von allen Kanzeln verlesen wird. Honecker stuft den Brief als "einen der größten konterrevolutionären Akte gegen die DDR" ein.

Am Abend desselben Tages feiert der Liedermacher Wolf Biermann in einer uckermärkischen Kirche sein Comeback. Biermann, der unter anderem wegen "schädlicher Thesen" seit elf Jahren Berufsverbot hatte, steht zum ersten Mal wieder auf einer DDR-Bühne, singt und diskutiert über sechs Stunden mit seinem Publikum. Es wird Biermanns letzter Auftritt in der DDR. Die, die dabei waren, beschreiben den Abend als "unglaublich schön und ermutigend". Aber Stasi-Mitarbeiter berichten über die "negativ-feindlichen" Lieder. Während sich Aufzeichnungen des Konzerts im Land verbreiten, bürgert ihn die DDR aus. Der Grund: "grobe Verletzungen der staatsbürgerlichen Pflichten". Es formiert sich ein ungeahnter Protest von Künstlern. An einem offenen Brief beteiligten sich Schriftsteller wie Christa Wolf oder Volker Braun. "Das hat Honecker besonders geärgert", sagt der Historiker Krampitz, "weil das DDR-Gewächse waren, die ihrem Staat doch dankbar hätten sein müssen."

Manche der sich auflehnenden Künstler werden mit Verboten belegt. Manche verlassen die DDR. Schauspieler, die in den Westen gehen, werden nicht mehr gezeigt, Autoren nicht mehr gedruckt. Und das, sagt Krampitz, macht die DDR "ein gutes Stück seelenloser". Künstler verbünden sich jetzt mit der Kirche. "In der Kirche", sagt Krampitz, "entsteht 1976 eine Gegenwelt, in der kritische Geister ins Gespräch kommen." Und die sich bis 1989 hält, als in den Kirchen die friedliche Revolution aufkeimt.