1. Hackney: Londons Underground

Hackney ist überirdisch. Dieser Satz ist nicht übertrieben, höchstens ein wenig verkürzt. Genauer müsste man sagen, dass der Stadtteil im Nordosten keinen Zugang zum U-Bahn-Netz hat. Man erreicht ihn nur mit dem Regionalzug, der Overground.

Wer dieses Detail belanglos findet, der kennt London schlecht. Die Linien des Nahverkehrs lenken auch die Wellen der Gentrifizierung, die seit einigen Jahren immer weiter nach Osten schwappen. Islington, Shoreditch, Bethnal Green ... die Geheimtipps von gestern sind schon okkupiert von Ladenreihen für den Hipsterbedarf (veganes Fast Food, Vintage-Mode, Craft-Beer und Vinyl). Und Hackney? Na, sehen Sie selbst.

Die ersten Einheimischen erwarten Sie unter der Treppe, die vom Bahnhof Hackney Central hinab auf die Straße führt. Nicht erschrecken, die schreien öfter, liegt wohl am Schnaps. Bleiben Sie an den Gleisen, an der Trasse mit dem großspurigen Namen Bohemia Place. In den Bögen unter der Eisenbahnstrecke waren bis vor Kurzem Werkstätten. Jetzt eröffnen ständig neue Läden: eine Afro-Boutique, eine Brauerei und einige, aus deren Konzept man bei Tag noch nicht schlau wird.

An der Marne Street nach Süden liegt rechter Hand The Cock. Nein, hier trifft sich keineswegs die örtliche Lederszene. Es handelt sich um ein Pub der alten Schule. An der tapezierten Wand steht eine Jukebox. Im Ohrensessel lehnt ein Gentleman mit weißen Koteletten. Aber bei den Getränken sind sie ganz vorn dabei. Ein Glas Cider? Es gibt sieben Sorten, alle frisch vom Fass. Auch schön: "London’s kleinster Biergarten", eine Oase für Soziopathen mit genau einem Tisch.

Hackney ist bekannt für seinen Markt, allerdings für den falschen. Nichts gegen den Broadway Market mit seiner stilsicheren Auswahl an Kunsthandwerk und Leckereien. Doch den Geist von Hackney spürt man eine Querstraße weiter, auf dem Netil Market. Er besteht aus ein paar selbst gezimmerten Buden im Hof eines maroden Mietshauses; aber etwas Genialisches umgibt diesen Ort. Der Mann im japanischen Messerladen kann zu jedem Nagelknipser eine Geschichte erzählen. Die Frau am Imbissstand Lemlem macht nicht nur köstliche eritreische Tacos, sie spendiert dazu auch mittags schon Schnäpse, angeblich ist das eine Landestradition. So viele Ideen wie hier findet man nicht oft auf einem Fleck.

Hackney braucht keine Themse, es hat den Regent’s Canal. Sie stoßen darauf, wenn Sie vom Markt aus nach Süden gehen. Nun gut, sehr regentlich wirkt er nicht mit den vermüllten Hausbooten am Ufer. Aber der Treidelpfad daneben ist ein toller Schleichweg, auf dem man in zwei Stunden bis ins West End käme. Gehen Sie ein Stück, und schauen Sie, wer Ihnen entgegenkommt: hippieske Bootskapitäne, Oben-ohne-Jogger, Mädchen, die Kinderwagen schieben, in der freien Hand eine Zigarette – Hackney ungeschminkt.

Das Viertel bekommt mehr Farbe, wenn es dunkel wird. Tagsüber war Hill & Szrok am Broadway Market eine normale Metzgerei. Eine Stunde nach Ladenschluss formiert sich eine Schlange vor der Tür. Stellen Sie sich dazu, dann bekommen Sie vielleicht noch einen Platz am großen Entbeintisch, der gleich zur Tafel wird. Die gegrillten Steaks und Lamb Chops hier sind sensationell.

Am Nachtleben von Hackney führt kein Weg vorbei. Sie erinnern sich: Bohemia Place unter den Bahngleisen. Mit all den Neonreklamen für sonderbare Clubs wirkt der Ort jetzt wirklich Boheme-tauglich. Da gibt es die Tanzhöhle Night Tales, ausgeschenkt werden Mezcal-Cocktails und japanisches Bier. Oder das ABQ, eine Hommage an die Serie Breaking Bad. Man sitzt in einem Caravan und mixt seine Getränke selbst – im Erlenmeyerkolben.

Wenn Sie dann frühmorgens in die Hochbahn steigen, fällt Ihnen vielleicht auf, dass Sie den ganzen Tag zu Fuß unterwegs waren, ohne alles Hasten durch endlose U-Bahn-Passagen. Hackney hat die Verve von London auf der Fläche einer Kleinstadt. Overground und Underground, das passt hier gut zusammen.