Pollenkörner sind ein lästiges Werkzeug der Natur. Nicht nur für jene, bei denen der Blütenstaub von allen möglichen Pflanzen laufende Nasen und verquollene Augen erzeugt. Unbequem sind Pollenkörner auch für Verbrecher. Etwa für den möglichen Mörder von Peggy Knobloch: 17 Jahre ist es her, dass das damals neunjährige Mädchen in Bayern verschwand. Es folgte eine der aufsehenerregendsten Fahndungen der deutschen Kriminalgeschichte, mit einem vermeintlichen Täter, der verurteilt und Jahre später wieder freigesprochen wurde.

Erst im Jahr 2016 fand man die Leiche des Mädchens – und verhaftete vergangene Woche schließlich einen neuen Verdächtigen. Den Hinweis lieferten weder Zeugen noch Fingerabdrücke, sondern mikroskopisch kleine, 17 Jahre alte Pollenkörner.

Der Ort, an dem die neue heiße Spur entdeckt wurde, hat wenig gemein mit den hypermodernen Labors der Forensiker in amerikanischen Krimiserien. Am botanischen Institut der Uni Wien sind die Decken niedrig, die Flure lang, Neonröhrenlicht scheint auf gelbliche Linoleumböden. Ein schmales Büro weit hinten im Erdgeschoss gehört Martina Weber, einer heiteren Frau mit wippender Ponyfrisur. Weber weiß, dass sie manchen als Exempel einer Orchideenwissenschaftlerin gilt: eine Botanikerin, die sich als sogenannte Palynologin auf die männlichen Geschlechtszellen der Pflanzen spezialisiert hat, besser bekannt als Pollen.

Seit gut zehn Jahren aber tauscht die Universitätsprofessorin die abstrakte Grundlagenforschung immer wieder gegen sehr konkrete Ermittlungen ein: Weber wird gerufen, wenn Kriminalisten nicht weiterkommen. Sie ist die einzige forensische Palynologin im deutschsprachigen Raum, weltweit gibt es nur eine Handvoll Kollegen.

"Über DNA-Spuren und darüber, wie man sie vermeidet, weiß heute jeder Bescheid. Auch die Verbrecher", sagt die Biologin auf Ganovenjagd lachend. "Aber Pollenspuren sind überall, und es lässt sich nicht vermeiden, mit ihnen in Kontakt zu kommen."

Das macht die Körner zu dankbaren Zeugen: Sie sind im Freien wie in Innenräumen, sie bleiben ständig hängen. An Haaren, Schuhen und Kleidung. In der Nasenhöhle und im Verdauungstrakt. Zudem sind Pollen nahezu unzerstörbar. Selbst an einer verbrannten Leiche finden sich in der Regel noch genug Körner für eine forensische Untersuchung. Und sie verraten viel über einen Standort: Der Pollen einer jeden Pflanze hat eigene, unverwechselbare Merkmale.

Untersucht Martina Weber etwa den Mix, der an einem Schuh klebt, kann sie erkennen, in welcher Umgebung jemand zuletzt gewesen sein muss. War der Verdächtige, wie er behauptet, am Golfplatz, oder hat er sich doch eher in einem Laubwald herumgetrieben? Ging er nur von der Stadtwohnung ins nahe Büro, oder muss er zwischendurch raus aufs Land in die Nähe eines Maisfeldes gefahren sein? Stimmen die Pollentypen am Verdächtigen und einer Tatwaffe oder an einem Opfer überein?

Im Falle des möglichen Mörders von Peggy Knobloch war es ein wenig Torf, der den Mann nach 17 Jahren ins Visier der Polizei brachte. Der Verdächtige, der den Ermittlern bereits bekannt war, hatte am Tag der Tat in seinem Garten zwischen torfhaltigen Gehwegplatten gearbeitet. Und nun hat Weber am Fundort der Leiche just jenen Pollenmix entdeckt, der typisch ist für Moore, in denen das Sediment Torf entsteht.