Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist keine Politprosa. Es ist hohe Erzählkunst. In seinem literarischen Erstling Morgen Grauen widerlegt Selahattin Demirtaş, der Co-Vorsitzende der kurdischen Partei HDP, die landläufige Meinung, die Suche nach einer Lösung der kurdischen Frage ende in der Türkei stets unausweichlich in einer Sackgasse von Gewalt und Gegengewalt.

Dabei ist die kurdische Frage eigentlich eine türkische: Wie gehen die Regierungen in Ankara mit den ethnischen und religiösen Minderheiten um? Jüngstes Beispiel dafür sind die Versuche Erdoğans, Demirtaş mit geforderten "142 Jahren Gefängnis" bis ans Lebensende wegzusperren. Letzte Woche wurde der Scheinprozess gegen ihn fortgesetzt; terroristische Umtriebe werden ihm dabei angedichtet. Dabei ist Demirtaş in Wahrheit jemand, der über die historischen Gräben hinweg zu versöhnen versucht. Einer, der wegen dieser Haltung bei den letzten Präsidentschaftswahlen nicht nur Stimmen von Kurden, sondern auch von vielen Türken bekam. "Allen misshandelten und ermordeten Frauen" hat Demirtaş seine zwölf Kurzgeschichten gewidmet.

Seher heißt eine der Erzählungen, gleichzeitig ist es auch der Name ihrer jungen Protagonis- tin, übersetzt "Morgenröte". Sehers Schicksal gleicht einer griechischen Tragödie: Sie verliebt sich schwärmerisch in einen jungen Mann. Eines Tages vergewaltigt er sie mit seinen Freunden auf bestialische Weise. Nach der Tat wird Seher von ihrer Mutter liebevoll umsorgt, doch ihr Vater beschließt, sie umzubringen, da sie "Schande über die Familie" gebracht habe. Der jüngste ihrer beiden Brüder, Engin, fast noch ein Kind, soll sie erschießen. "'Lass mich dir noch einmal die Hand küssen, Papa', sagte Seher in ihr Schicksal ergeben. Der Vater hielt ihr die Hand hin, sie küsste sie und hielt sie an ihre Stirn. 'Verzeih mir, Papa', sagte sie. Der Vater wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und brachte nur heraus: 'Ich verzeihe dir, aber verzeih du mir auch.' – 'Das tue ich.' (...) Engin kniff fest die Augen zusammen, schrie 'Seheeeer!' und in seinen Schrei hinein knallte der Schuss."

Selten ist ein Appell, den sogenannten Ehrenmord zu ächten, mit solcher Überzeugungskraft vorgetragen worden, ohne vordergründige Schuldzuweisung. Die von Demirtaş geschilderte Zwangsläufigkeit, mit der in patriarchalen Strukturen die Täter-Opfer-Umkehrung stattfindet und Un-Schuld zu Schuld umgedeutet wird, weist weit über die blutige Tradition der Ehrenmorde hinaus. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen dieser exemplarischen, sich zum unvermeidbaren Mord hin entwickelnden Geschichte die Tränen nicht unterdrücken konnte.

Demirtaş, dessen Buch in der Türkei ein Bestseller ist, hat die Erzählungen im Gefängnis geschrieben, in dem er seit über zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Türkei im November angewiesen, ihn freizulassen. Erdoğan aber weigerte sich. Das Gericht, ließ er verlauten, betreibe mit der Forderung nach Freilassung "Terrorverehrung und Terrorliebe". Das sagt ein Mann, dessen Regierung die IS-Terroristen finanziell, logistisch und ideologisch unterstützt hat.

In diesen Zusammenhang gehört Demirtaş’ Erzählung Aleppo-Püree. Prägnant beschreibt Demirtaş, wie fern ein islamistischer Attentäter dem Leben der Menschen ist, das er zu verteidigen vorgibt. Der lakonische Erzählstil, der beim mörderischen Attentat nicht länger verweilt als beim Lob des arabischen Kebab, verdichtet Schrecken und Genuss, Trauer und Lebensglück auf eine komprimierte Weise, wie es große Erzähler vermögen.

Andere Erzählungen sind fabelähnlich in der Tradition des magischen Realismus komponiert. Beispielsweise die, in der Demirtaş seinen Gefängnisaufenthalt thematisiert: Ein Spatzenweibchen verteidigt sein Nest gegen vier Rabenvögel, vom Autor "Staatsvögel" genannt, während der Spatzengatte am Rande nur schwadroniert und sich mit seinem Maulheldentum begnügt. Ein Spaß, den sich Demirtaş da mit den Zensoren des Gefängnisses gemacht hat, die seine Texte – allesamt als Briefe an seine Frau getarnt – weiterleiteten, da sie deren Doppeldeutigkeit und hintergründigen Sarkasmus nicht verstanden.

Demirtaş betritt nie die Bühne der selbstgefälligen Moralisten, er schreibt keine Rührstücke. Dabei steckt er seine Protagonisten nicht in Schubladen, weder in politische noch in religiöse oder ethnische. Jede seiner kunstvoll geknüpften Geschichten ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, für die kleinen Leute, für die Entrechteten und ganz besonders für die Frauen.

In den kurdischen Gebieten, in denen die HDP die Bürgermeister stellt, stehen jeweils ein Mann und eine Frau an der Spitze der Gemeinde. Diese "Doppelspitze" musste gegen die Vorschriften in der Türkei erkämpft werden. Von solch kleinen Erfolgen profitiert ein ganzes Land. Demirtaş, der wegen seines Friedenswillens die Gegnerschaft militanter Kurden ertragen muss, hat daran keinen geringen Anteil und konnte bisher dennoch jeglichen Personenkult um sich abwehren. Auch deshalb ist er für die Türkei der Hoffnungsträger.

Selahattin Demirtaş wächst womöglich mit jedem Jahr in der Haft in die Rolle eines türkischen Mandela. Seine Wirkung auf die Entwicklung in der Türkei dürfte hinter Gittern noch stärker werden als in Freiheit.

Selahattin Demirtaş: Morgen Grauen. Storys; aus dem Türkischen von Gerhard Meier; Penguin-Verlag, München 2018; 144 S., 16,– €, als E-Book 12,99 €