Wenn Susanne Peter durch den Keller unter der Mariahilfer Kirche im sechsten Bezirk in Wien führt, dann tut sie das mit der Routine einer lang gedienten Reiseleiterin. Kleiderkammer, Lagerraum, ein Saal mit 34 Doppelstockbetten. Peter hat den unscheinbaren Keller schon oft hergezeigt. Zwischendurch aber, als sie etwa vor einem der Betten stehen bleibt und hinter sein Fußende zeigt, formt sich ein ungläubiges Schmunzeln auf den Lippen der 48-jährigen Sozialhelferin. Dort, hinter den Mauern, sagt sie, da würden bis heute die Knochen verstorbener Priester ruhen.

"Niemand wohnt freiwillig auf der Straße."
Susanne Peter, leitende Sozialarbeiterin

Susanne Peters Arbeit beginnt, wenn andere aufgegeben haben. In Wohnungen ohne Strom und Heizung. In selbst gebauten Verschlägen auf öffentlichen Toiletten. Mit Menschen, deren Socken nach monatelangem Tragen so fest an den Fersen stecken, dass sie sich nur durch ein Bad wieder lösen lassen.

Als die Wiener Obdachlosenhilfe aus nicht viel mehr als ein paar Klosterschwestern bestand, half Susanne Peter, in der Krypta unter der Kirche die heute bekannteste Notschlafstelle des Landes aufzubauen: die Gruft der Wiener Caritas. Das war vor 32 Jahren, Peter war damals 16 Jahre alt und Schülerin. Heute ist sie die leitende Sozialarbeiterin der Einrichtung. Kaum jemand hat mehr Obdachlose von der Straße geholt als sie. Sie weiß, wie wenig es braucht, damit alles ins Wanken gerät. Wie leicht es ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und wie schwer es fallen kann, bis man wieder aufgestanden ist und stabil steht.

"Wenn sich Menschen nicht helfen lassen, dann muss ich einen Weg finden, dass sie es schließlich doch tun", sagt Peter, freundliche Augen hinter einer dünn gerahmten Brille, mit ruhiger Stimme. Viele Obdachlose, die sie im Laufe der Jahre betreut hat, nahmen ihre Hilfe zuerst nicht an. Sie weigerten sich, bei Minusgraden in der Notschlafstelle zu übernachten, sie zogen den kalten Beton in U-Bahn-Stationen einer beheizten Unterkunft vor. Doch das sei kein Grund, keine Erlaubnis dafür, aufzugeben, sagt Peter. "Niemand wohnt freiwillig auf der Straße."

Auf Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen und in Parks suchte sie als eine der Ersten auch jene, die nicht selbst in die Hilfseinrichtungen kamen, und lernte: Obdachlosigkeit zersetzt den Körper und nagt an der Psyche. Betroffene frieren nicht nur, sie leiden an Isolation, an Ablehnung und Verachtung. Das Leben auf der Straße verändere das Denken und Fühlen eines Menschen. Um jemanden helfen zu können, müsse man ihn zuerst verstehen, sagt Peter. Wenn ihre Klienten sie wegschicken, kommt sie deshalb immer wieder und fragt: "Warum?"

Anstatt als Nonne in ein Kloster einzutreten, wollte sie lieber praktische Hilfe leisten

Viele Jahre lang habe sie eine Obdachlose in einer öffentlichen WC-Anlage besucht, erzählt Peter. Sie habe ihr angeboten, eine Gemeindewohnung zu beschaffen, doch die Frau lehnte immer wieder ab, bis Peter schließlich verstand: Nach Jahren im WC hatte die Frau vergessen, wie es ist, woanders zu leben. "Wenn Wohnung für dich eine öffentliche WC-Anlage bedeutet, dann ist ein solches Angebot natürlich nicht verlockend", sagt Peter. "Ich muss versuchen nachzuvollziehen, warum Menschen sich so verhalten."

Der "Engel der Gruft", wie der Radiosender Ö1 Peter einmal nannte, ist eine pragmatische Frau. Ihr Büro liegt im zweiten Stock über dem modernen Tageszentrum der Notschlafstelle. Es ist ein schmuckloser Raum, gerade groß genug für zwei Schreibtische. Die Sozialarbeiterin teilt ihn sich mit einem Mitarbeiter. Nur in der obersten Reihe des Regals, vor dem sich Peter in den Drehsessel fallen lässt, glänzt es. Dort reiht sich Pokal an Pokal. Es sind die von Peters Fußballmannschaft.

So lange versuchen, bis es funktioniert

Peter hatte von Fußball eigentlich wenig Ahnung und gründete das Team gemeinsam mit einem Zivildiener, weil sie merkte, dass sich viele ihrer Klienten in der klassischen Beratungsatmosphäre nicht wohlfühlten. Im Fußball sah Peter eine Möglichkeit, näher an sie heranzukommen. Seither steht sie selbst im Tor, wenn der FC Gruft bei Turnieren aufläuft. Dabei brach sie sich einmal zwei Finger, dann den Knöchel und spielte trotzdem weiter. Am Ende landete die Mannschaft auf dem letzten Platz. "Doch ich hab einige Bälle rausgeholt", sagt sie.

Aufgeben ist nicht Peters Art, auch abseits des Spielfeldes. Die Frau aus der WC-Anlage überzeugte Peter schließlich, indem sie der Obdachlosen Fotos ihrer zukünftigen Wohnung zeigte. Ebenso blieb sie hartnäckig, als sie den Klienten, der nach Jahren endlich in eine Wohnung zog, wieder an seinem alten Platz in der U-Bahn-Station antraf. In der Wohnung war der Mann einsam. Sie besorgte ihm schließlich eine Katze, die zu Hause auf ihn wartete. Zu überlegen, was ein Mensch braucht, um Hilfe anzunehmen, und es dann so lange zu versuchen, bis es funktioniert, das mache eine gute Sozialarbeiterin aus, sagt Peter.