An diesem Freitag geht sie zu Ende, unwiderruflich, die Kohlezeit an Rhein und Ruhr. Es mag ein wehmütiger Abschied werden, aber es ist kein böser. Die Mienen spiegeln allgemeine Zufriedenheit. Denn die Bilanz der Abschiedsära fällt freundlich aus: Ein 50 Jahre währender Strukturwandel wurde gut gemanagt. Im engen Zusammenspiel von Unternehmern, Gewerkschaften und Staat hat sich der Rheinische Kapitalismus bewährt. Kein Kumpel fiel "ins Bergfreie", und auch wenn die sozialen Probleme groß waren und sind, so ist die Transformation des Reviers doch im globalen Maßstab einzigartig – einzigartig gelungen.

Gerade der Anteil der Gewerkschaften daran ist bewundernswert. Sie standen maßgeblich hinter der Gründung der Ruhrkohle AG vor genau 50 Jahren, im November 1968, und sie haben immer wieder Vorschläge zur Schrumpfung ihres Bergbaus gemacht. Sie wussten: Die Steinzeit der Energiegewinnung geht zu Ende, einmal wird Schicht sein im Schacht. Es sollte ein Ausstieg in Würde sein.

Der Prozess hätte ganz anders verlaufen können. In den USA zum Beispiel versprach der Wahlkämpfer Donald Trump den Bergleuten großspurig, sie nicht im Stich zu lassen. Doch hat, wie zuletzt noch die New York Times konstatierte, die Kohlewirtschaft der USA keine Zukunft, und es wird dort mit Sicherheit kein Trumpsches "Jobwunder" geben. Auch in den USA ist der Bergbau ein Auslaufmodell, allerdings ohne dass die Konsequenzen schon benannt sind, ohne dass es für die Kumpel irgendeine Sicherheit, irgendeine Perspektive gibt.

Das Ruhrgebiet dagegen hat seinen Frieden mit dem Ende der Kohle gemacht. Nur der Abschied von der anderen großen Industrie fällt nach wie vor schwer. Noch immer ist Duisburg der größte Stahlstandort Europas. Während der Ausstieg aus der Kohleförderung über fünf Jahrzehnte hinweg vom Steuerzahler subventioniert und von Staat und Gesellschaft sensibel gesteuert wurde, gab es für die Stahlindustrie, als sie in den Siebzigerjahren in die große Krise rutschte, keine Dauerhilfen mehr, und die Gewerkschaften waren nicht von vornherein mit im Boot.

Und dennoch: Auch hier entwickelte der korporatistische Rheinische Kapitalismus seine besonderen Qualitäten. So wurde der (am Ende vergebliche) Kampf um das Werk in Duisburg-Rheinhausen 1987/88 zu einem Beispiel solidarischen Handelns – und zugleich der Beginn, nein, keiner wunderbaren Freundschaft, aber doch einer pragmatischen Zusammenarbeit von Industrie, Gewerkschaften und Staat.

Das Modell Ruhr war so erfolgreich, dass man es nach der Wiedervereinigung 1990 teilweise auf die neuen Bundesländer übertrug. Die Deindustrialisierung im Braunkohle-Tagebau der Lausitz wurde begleitet von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, die von 2000 bis 2009 versuchte, den Strukturwandel in der Region mithilfe zahlreicher besonderer Projekte zu gestalten. Die Situation war auch hier schwierig. Zählte der Tagebau im Bezirk Cottbus 1989 an die 94.000 Beschäftigte, so blieben 2003 noch gerade 9.400. Zehntausende, vor allem junge Menschen zogen weg.

Nach dem Vorbild des Ruhrgebiets wurde versucht, über Industriekultur das regionale Selbstbewusstsein der Region zu stärken und so den Übergang zu einer neuen wirtschaftlichen Struktur zu schaffen. Eine Park- und Seenlandschaft mit 22 realisierten Projektideen entstand. Dabei wurden zahlreiche Monumente der großen Industrie in die Landschaft integriert. Die Blaupause für das alles – für die IBA Fürst-Pückler-Land ebenso wie für den "Dachverein Mitteldeutsche Straße der Braunkohle" oder das Projekt "Industrielles Gartenreich" im Raum Dessau, Bitterfeld, Wittenberg – lieferte die IBA Emscher Park. Sie hatte von 1989 bis 2000 im nördlichen Ruhrgebiet Industriekultur zum Bestandteil des Strukturwandels gemacht. Im Osten allerdings blieb der Erfolg dieses Prozesses hinter den Erwartungen zurück.

Dennoch ist das Ruhrrevier ein Vorbild, wie allein schon der Vergleich mit Großbritannien zeigt. Als die Energiewirtschaft dort begann, auf Atomkraft und Nordseeöl zu setzen, endete der Steinkohle-Bergbau in einem regelrechten Untergang. Die neoliberale Premierministerin Margaret Thatcher von den Konservativen hatte sich 1984 die mächtigste der britischen Gewerkschaften, die National Union of Mineworkers, ausgesucht, um ein Exempel zu statuieren. Ziel war es, der gesamten Gewerkschaftsbewegung das Rückgrat zu brechen. Mehr als ein Jahr dauerte der Kampf. Vergeblich versuchten die Bergarbeiter-Gewerkschaften unter Führung von Arthur Scargill nicht nur, das Zechenschließungsprogramm der Regierung wieder zu kippen, sondern diese selbst zu Fall zu bringen. Noch in den Siebzigerjahren war ihnen das im Widerstand gegen die damalige konservative Regierung von Edward Heath gelungen.

Doch Thatcher war aus härterem Holz geschnitzt. Vor allem hatte sie ein klares ideologisches Programm. In ihrer neoliberalen Vorstellungswelt gab es keinen Platz für Gewerkschaften – sie sollten verschwinden. So geriet der Streit um die Zechen zu einem beispiellosen Klassenkampf von oben, in dem Thatcher vor dem brutalen Einsatz der Polizei und des Inlandsgeheimdienstes nicht zurückschreckte. Das vorgeblich so liberale Großbritannien mutierte zu einem autoritären Polizeistaat, ein Bürgerkrieg lag in der Luft.