DIE ZEIT: Herr Schlereth, Sie sind Vorstand eines der namhaftesten Immobilienunternehmen in Deutschland. Ihr Vater hat den Olympiapark in München geplant und den Airportpark Dresden erschlossen, Sie selbst sind verantwortlich für 17 Hotels. Woran merkt jemand mit Ihrem Terminkalender, dass gleich Weihnachten ist – und haben Sie schon Geschenke besorgt?

Max Schlereth: Nein, kein einziges! Aber deswegen werde ich nicht nervös. (lacht) Ich kaufe wie immer am letzten Tag vor Weihnachten ein. Zwei Freunde sind auch dabei, und hinterher gehen wir tütenbepackt ins Münchner Bratwurstglöckl.

ZEIT: Haben Sie einen Lieblingsladen?

Schlereth: Nein, aber die Spielwarenabteilungen machen mir Spaß, zum Glück habe ich sechs Nichten und Neffen zu beschenken. Zu Hause wird es dann traditionell: Wir feiern alle bei meinen Eltern in Wien, mit viel Lametta und Stille Nacht. Bis 22. Dezember gebe ich Vollgas im Job, aber wenn das Schmücken des Baumes beginnt, fällt der Stress von mir ab.

ZEIT: Und, halten Sie bis zur Christmette am Heiligabend um 23 Uhr durch?

Schlereth: Ich gebe zu, die letzten drei Jahre habe ich sie geschwänzt. Früher in meinem Heimatort Bad Heilbrunn war das anders: Die Bläser vom Ortsverein, die alten Freunde wollte man nicht verpassen. Vielleicht wird es diesmal was mit dem Wiener Dom. Sicher gehöre ich zu denen, die zu selten in die Kirche gehen. Aber der Glaube hängt nicht vom Gottesdienstbesuch ab, oder?

ZEIT: Die Kirchen achten schon recht ängstlich auf die Kirchenbesucherzahlen, so wie das Fernsehen auf die Einschaltquote. Ich persönlich glaube nicht, dass man die Bindung an das Christentum noch danach bemessen kann, ob die Leute es Sonntagvormittag in den Gottesdienst schaffen. Aber mal ehrlich: Wenn Sie jetzt für die sakrale Kunst und Musik in Rom spenden, ist dann auch ein bisschen schlechtes Gewissen dabei?

Schlereth: Nein! Ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich in den Petersdom gehe, das bewegt etwas in mir. Und als ich zum ersten Mal hörte, dass ein Deutscher, Hans Albert Courtial, mithilfe der Musik versucht, diesen Ort zu erhalten, da dachte ich: Genial! Mir fiel sofort Schopenhauers Spruch ein, den er zwar abwertend meinte, aber den ich positiv verstehe: "Architektur ist gefrorene Musik." Für mich ist ein Konzert im Petersdom mehr als ein kulturelles Erlebnis. Da hebst du innerlich ab.

ZEIT: Sie sind Professor für strategisches Management und von Beruf eigentlich Kopfmensch ...

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Schlereth: ... jaja, als Hochschullehrer muss ich Agnostiker sein, weil wir Gottes Existenz genauso wenig beweisen können wie seine Nichtexistenz. Aber dieses Gefühl, wenn ich den Petersdom betrete, ist einfach da. Und jetzt sage ich Ihnen noch etwas Abergläubisches. Meine Frau und ich hatten uns lange eine Tochter gewünscht, und als ich dann in Rom beim Grab von Johannes Paul II. war, habe ich gebetet. Prompt wurde meine Frau schwanger. (lacht)

ZEIT: Herzlichen Glückwunsch! Leider ist damit unser Gespräch zu Ende, denn nun erklärt sich Ihr Engagement für den Petersdom von selbst. Oder?

Schlereth: Erkenntnistheoretisch ist Beten Blödsinn. Aber es gibt auch eine gefühlte und geglaubte Wirklichkeit, wieso sollte die unwichtiger sein als das, was wir sonst "wirklich" nennen? Mir gefällt der Physiker Niels Bohr, der ein Hufeisen als Glücksbringer an der Haustür hängen hatte und seinen konsternierten Kollegen sagte, ein Hufeisen helfe auch bei Leuten, die nicht daran glauben.

ZEIT: Kommen Sie eigentlich aus einer frommen Familie?

Schlereth: Nein, meine Mutter ist eine eher säkular eingestellte Ägypterin, mein Vater ein selbstverständlich katholischer Bayer. Aber die Großeltern gingen sonntags fast immer zur Kirche, am Eingang unseres Gutshofs stand ein Holzkreuz mit geschnitztem Jesus, und gelegentlich kam der Pfarrer zum Mittagessen. In der Schule wurde uns dann ein sehr kritischer Umgang mit Religion beigebracht, und der Religionsunterricht selbst war leider so langweilig, dass ich zu Ethik gewechselt bin, weil das zum Selberdenken anregte. Eine gefühlte Religiosität habe ich erst später entwickelt, in der Auseinandersetzung mit der Philosophie.

ZEIT: Unter Papst Franziskus ist der Streit um den "wahren Glauben" wieder eskaliert, ob etwa die Glaubenslehre veränderlich sei. Interessiert Sie das?

Schlereth: Ich tue mich da schwer. Wenn es eine Wahrheit des Glaubens gibt, dann ist sie so groß, dass sie sich nicht in Dogmen fassen lässt. Christlicher Dogmatismus überzeugt mich genauso wenig wie dogmatischer Atheismus oder eine Naturwissenschaft, die von dem metaphysischen Wahn geleitet ist, sie könne alles erklären. Im Studium musste ich zum ersten Mal meine Religiosität gegen meine vielen linken Freunde verteidigen. Lustigerweise hat mir dabei Immanuel Kant geholfen, der sagt: Man kann Gott zwar nicht erkennen, aber er ist denknotwendig für das gute Handeln.

ZEIT: Wer nicht glaubt, kann nicht gut handeln?

Schlereth: Doch. Nur die Notwendigkeit guten Handelns kann man nicht rein rational begründen.

ZEIT: Sie haben in Wirtschaftswissenschaften und Philosophie promoviert. Was war Ihr Thema?

Schlereth: O Gott. ( lacht ) "Unternehmerisches Sein zwischen realitätsorientiertem Handeln und künstlerischem Denken". Ich wollte das Rationalitätsprinzip in der Wirtschaft anzweifeln und zeigen, dass unternehmerischer Erfolg auf dem Prinzip der Irrationalität beruht. Da kam wieder Kant ins Spiel mit seiner Ästhetik und seiner Kritik der Urteilskraft.

ZEIT: Haben Sie auch Theologen gelesen?

Schlereth: Nein, nur ein bisschen Augustinus. Das einzige Buch über den Glauben, das mir wirklich Freude gemacht hat, ist das Neue Testament, so blöd das klingt. Aber es ist voll bleibender Sätze: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Dass Luther uns die Bibel auf Deutsch zugänglich gemacht hat, war eine grandiose Sache, die einem in Rom auch noch mal bewusst wird.