Meet Wolfgang, Anfang 50: das Klischee von dem Typen, der nachts in der teuersten Bar der Stadt sitzt und von dem immer mehr Menschen denken, er sei das Letzte. Beziehungsweise: Immer mehr Menschen und insbesondere solche, die twittern und Zeitungen vollschreiben, halten es zunehmend für unmöglich, dass es ihn überhaupt noch gibt. Aber die Sache ist: Wolfgang regiert weiter, zumindest heute hier, an diesem Abend. Zigarre in der Hand, Autoschlüssel auf dem Tisch, livrierte Barmänner rennen rum und wissen, welchen Whisky er nimmt, zack, zack, so mag er das, der Laden ist sein Wohnzimmer. Links und rechts hat er zwei Frauen.

Dazu Wolfgang: "Aber die ficke ich nicht, weil die sind mir zu alt, das sind zwei Bekannte, ganz normal, Dani und Regina, Regina will eine Dependance von mir in Düsseldorf leiten, deswegen klebt die mir gerade bisschen am Arsch. Die klimpert mit den Augen, dass ihre Fältchen nur so rascheln, sag ich mal, und am Ende zahle ich die Getränke. Aber ich beschwere mich gar nicht, auch wenn da nichts läuft, wie gesagt, obwohl ich es könnte. Regina könnte ich machen, weil sie die Stelle will, und Dani, weil sie alleine ist. Deswegen knabbert die gerade an meinem Seidenschal, ganz niedlich eigentlich. Weit und breit keine schöne Frau hier gerade. Ist nicht so, dass ich kein Herz hätte, aber eine alte Frau willst du wirklich nicht sein, weiß ich von meiner Ex-Frau. Ich sag immer, hart, aber fair. Das ist mein Motto, beruflich wie privat, können Sie Lorenz, den Barmann, fragen. Jetzt betritt so eine Mieze die Bar, enges Kleid, blonde Haare, sieht aus wie diese eine Tagesschau- Sprecherin. Wie heißt die Blonde aus der Tagesschau noch mal, Lorenz? Lorenz weiß es nicht. Regina guckt schon ganz beleidigt."

Die blonde Frau setzt sich an einen Tisch neben Wolfgang, bestellt einen Drink und guckt auf ihr Telefon. Wolfgang will wissen, wer sie ist, und sieht zu ihr hinüber. Regina hat einen Arm um Wolfgang gelegt und zupft ihm Fussel von seinem Jackett.

Wolfgang zu der blonden Frau: "Schönes Kleid."

Die blonde Frau nickt, ohne dabei von ihrem Telefon aufzusehen. Wolfgang befreit sich aus der Umarmung von Regina und beugt sich vor zu der blonden Frau (Laura, übrigens). Er hat die Sache angefangen, dann muss er sie auch durchziehen. Wolfgang zu Laura: "Wie heißt du?"

Laura antwortet, ohne Wolfgang anzusehen. Regina legt Wolfgang wieder einen Arm auf die Schulter, den er abschüttelt. Wolfgang: "Was machst du?" Laura antwortet nicht, was Wolfgang nicht einsieht, insbesondere weil alle gucken, auch Lorenz und die Männer auf den Barhockern. Wolfgang bellt: "Bist du Tänzerin? Künstlerin? Model?" Laura sagt nichts, Wolfgang noch lauter: "Wie alt bist du? Wie heißt du noch mal? Bist du überhaupt schon achtzehn?" Regina lacht zu laut. Wolfgang zieht an seiner Zigarre und lässt sich in Reginas Arm fallen, die hofft, dass Wolfgang nun ihr gehöre und jetzt endlich der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um mit ihm über die Leitung der Dependance in Düsseldorf zu sprechen.

Dazu Wolfgang, primetimemäßig: "Traust du dir das überhaupt zu mit den Kindern?" Regina setzt zu einer Erklärung an, wird aber vom lachenden Wolfgang unterbrochen, dem Laura einfach nicht aus dem Kopf geht. "Einen Schampus für die blonde Dame hier, Lorenz!", ruft Wolfgang, der sich davon überzeugen muss, dass geschieht, was er verfügt, auch im Leben von Laura. Laura sieht nun schon seit einer Weile abwechselnd auf ihr Telefon und zur Tür, die nun endlich, endlich aufgeht. Ihr Freund kommt in Ritterrüstung auf einem Schimmel hereingeritten, sie ist gerettet.

Dazu Laura: "Tja."

Wolfgang: "Mir ging es doch nicht darum, einen wegzustecken. Die war das schönste Mädchen in der Bar, da bemüht man sich halt. Nichts für ungut."

Okay, was macht man jetzt mit dieser Szene, die kürzlich so oder so ähnlich stattgefunden hat und die so dermaßen voller Klischees ist, dass sie literarisch eigentlich nicht verwertbar ist? Darüber twittern und retweetet werden, von Menschen, die Menschen wie Wolfgang auch nicht mehr sehen wollen, also vollkommen einer Meinung sind, was halt nur den real existierenden Wolfgang leider null interessiert? Wolfgang anrufen und ihn fragen, ob er wirklich so stumpf ist, wie man ihn sich hier vorgestellt hat? Oder nicht vielleicht doch irgendwo eine verletzte Seele, die an den Zurichtungen problematischer Ideen von Männlichkeit leidet? Warten, bis es keine Wolfgangs mehr gibt? Über etwas anderes schreiben? Whisky bestellen? Hilft natürlich erst mal, also: Cheers und ein gutes neues Jahr, vor allem für dich, Regina.