Japanische Metropolen, obgleich auch sie von Boulevards und Autobahnen durchzogen sind wie alle anderen auf der Welt, wirken oft verschachtelt und gebastelt, durchzogen außerdem von den Spinnenfäden endloser Oberleitungen – eine seltsam demütige Kulisse für die Jahreszeiten, den Schnee, den Regen und die feuchte Hitze. Dort irgendwo lässt Hirokazu Kore-eda seine Geschichte spielen, wo es mosaikhaft und improvisiert aussieht und wo niemand mehr an eine bessere Zukunft glaubt – die Geschichte aus einer etwas abgenutzten Schachtelwelt.

Shoplifters gewann in diesem Jahr die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes, und diese Juryentscheidung war die richtige. Der Film ist hinreißend. Kore-eda zeigt ein für westliche Augen ganz ungewohntes Japan, nämlich ganz unten in der sozialen Hierarchie, wo es nicht einmal mehr besonders exotisch zugeht. Trotzdem ist diese Geschichte voller Poesie. Konfliktlos geht es nicht zu, aber es gibt keinen Zorn, keine Anklage, kein Gerechtigkeitspathos. Es werden große Gefühle entfesselt, und doch bleibt das Ganze dezent. Es ist ein in jeder Hinsicht menschlicher Film, leicht und eindringlich und oft ausgesprochen lustig.

Osamu geht manchmal auf dem Bau arbeiten, maust sich aber lieber durch die Supermärkte seines Viertels. Er lebt gewissermaßen von der flinken Hand in den Mund. Kumpan ist sein Sohn Shota, der vielleicht elf oder zwölf ist und bereits ein Virtuose des Ladendiebstahls. Eines Abends nach einer erfolgreichen Tour entdecken sie ein kleines Mädchen auf einem Balkon, das einsam und unglücklich wirkt. Sie nehmen es einfach mit, sie klauen es wie einen Plastikbecher Nudelsuppe.

Zu Hause warten Osamus Frau Nobuyo, Oma und Enkelin Aki. Sie leben alle in einem winzigen Häuschen zusammen, das mehr Bewohner als Quadratmeter zu haben scheint, verborgen hinter dichten Gebüschen liegt, eingekesselt von anonymen Betonblocks. Nobuyo ist Büglerin in einer Fabrik, Aki zeigt sich in einer Peepshow, aber im Wesentlichen leben alle von Omas Rente. Diese Familie ist unauffällig, aber sie ist kein Teil mehr von irgendeiner Gesellschaft – und sie ist sehr glücklich. In dieser unaufgeräumten kleinen Welt hat niemand Bildung, es existieren weder Smartphones noch Tablets, aber auch keine Aggressionen. Alle sind liebevoll miteinander, auch wenn der Ton gelegentlich rau ist. Urbane Indianer eben.

So wird die schweigsame kleine Yuri – sie zeigt mit der Hand, dass sie fünf ist – zum Abendessen eingeladen und neugierig betrachtet. Dass auf ihren Armen Anzeichen von Misshandlung zu erkennen sind, löst eher Verwunderung aus als Empörung. Noch in derselben Nacht wird sie zurückgebracht. Vorm Haus klingt es jedoch nach einem bösen Streit zwischen Vater und Mutter. Seither hat Shota eine kleine Schwester.

Yuri gleitet in diese Familie hinein, als wäre sie immer da gewesen. Ganz am Anfang erwähnt jemand mal das Wort "Entführung", doch ist es schnell wieder vergessen. Die Kleine blüht auf, ist gelehrig und darf auch schon mal Beute machen. Nach Monaten sehen alle verdutzt im Fernsehen, dass Yuris Fall inzwischen nationale Wellen schlägt. Was soll’s, wenn doch die Familie erst mit ihr vollständig geworden ist? Das klingt alles ziemlich absurd, aber Kore-eda führt dieses Leben in der Verborgenheit als das Normalste von der Welt vor, er inszeniert es als ein etwas liederliches Idyll, bezaubernd und natürlich vollkommen zukunftslos.

Shoplifters ist ein kleiner Roman. Die Kamera folgt den Figuren wie ein wohlwollender auktorialer Erzähler, und sie folgt auch der Dynamik unter den Verschworenen, welche notgedrungen irgendwann einsetzt. Shota, der Junge, wird größer und möchte kein Leben als Dieb führen. Irgendwann stirbt Oma und muss unter dem Haus heimlich begraben werden, weil ja die Rentenzahlung weiter fließen soll. Diese Familie ist ein soziales Husarenstück, ein Glück, das aus Not und Verzweiflung entsteht.

Am Ende lässt Shota sich absichtlich beim Stehlen ertappen. Nun greift die Gesellschaft zu, das Recht, die Fürsorge, die Kontrolle, die Ordnung, der Wille zum Wissen. Dunkles kommt an die Oberfläche, und vielleicht ist es sogar gut, dass die Behörden eingreifen. Doch der Zuschauer liebt seine Figuren weiter, Kore-eda verführt ihn zum Verzeihen und zur Anteilnahme. Am Ende von Shoplifters möchte jeder, dass das unwahrscheinliche Glück dieser Familie existieren darf, obwohl vieles dagegenspricht. So ist dies auch ein wunderschöner Weihnachtsfilm, in dem der Weihnachtsmann ausnahmsweise nichts zu suchen hat.