Wenn der käfigartige Aufzug mit vierzig Kilometer pro Stunde senkrecht in die Tiefe saust, erinnert er an einen der Freefall-Towers auf der Kirmes. Nur dass es hier stockfinster ist. Und dass niemand vor Vergnügen kreischt. Die einzige Extravaganz: Auf der Einfahrt in Schacht 10 – mehr als einen Kilometer geht es in die Tiefe – nehmen die Bergleute eine Prise Schnupftabak. Das hat Tradition. Rauchen ist im Bergwerk strengstens verboten, genauso wie Unterwäsche aus Polyester: Jeder Funke bedeutet Explosionsgefahr.

Steinkohle wird hier in Bottrop seit dem Herbst nicht mehr abgebaut. Wer hier noch einfährt, räumt auf. Oder gehört zu den Wissenschaftlern, die sich Gedanken über die Zukunft des Bergbaus und den Ausstieg daraus machen. Doch am 21. Dezember ist im Steinkohle-Bergwerk Prosper-Haniel endgültig Schluss. Feierlich und höchstpersönlich wird der Bundespräsident den letzten Brocken Steinkohle zutage fördern. Mit dieser symbolischen Geste endet der Steinkohle-Bergbau in Deutschland.

Weißes Neonlicht erhellt die Strecken, die waagerechten Gänge im Bergwerk. Von der Decke hängen Kabelwülste. Plakate mit Sicherheitshinweisen, die an den Wänden kleben, ermahnen niemanden mehr, sie erinnern nur noch daran, dass die Arbeit unter Tage gefahrvoll war.

Diese Gefahren, genauso wie die Härte der Arbeit, das Traditionsbewusstsein der Bergleute, die Mühen der Nachkriegszeit – all das gehört zum Mythos Ruhrgebiet. Und der wird jetzt zum Abschied noch einmal beschworen. Doch nüchtern betrachtet ist das Ende des Steinkohle-Bergbaus schon lange fällig. Noch bevor die ökologischen Folgen der Kohle-Zeit bekannt wurden, war der Steinkohle-Abbau hierzulande ökonomisch unsinnig geworden. Allein in den Jahren 1980 bis 2003 wurden mehr als 100 Milliarden Euro staatlicher Zuschüsse in den Kohleschächten versenkt. Seit den Sechzigerjahren ist die deutsche Steinkohle nicht mehr wettbewerbsfähig; zu teuer für den Weltmarkt, verdrängt von Öl und günstiger Importkohle aus Ländern wie Kolumbien, in denen der Energieträger günstig im Tagebau gewonnen wird. Der Mythos des Kohlenpotts wurde mit Subventionen in Milliardenhöhe am Leben gehalten.

Überall in den Gängen in Richtung der Abbaustelle passiert man heute stillgelegte Förderbänder, Kabelrollen und allerlei Maschinerie; es sieht schon sehr nach Auszug aus. "Das ist ein Wust an Materialien, den wir über Tage schaffen müssen", sagt Michael Sagenschneider. Er ist Sprecher des Bergwerks und betreut den Rückzug.

Bis Ende 2019 muss alles raus. Dazu gehören auch die Schienen und Waggons der Dieselkatze. Mit dieser Transportbahn, deren Wagen wie bei einer Schwebebahn von der Decke hängen, ruckelt man in gemächlichem Tempo durch den schummrigen Tunnel zur Förderstelle. Von alldem wird einzig der Stahlbogenausbau bleiben, der die unterirdischen Wege stabil hält, erklärt Sagenschneider: "Die brauchen wir, um das Wasser zu den Pumpen zu leiten, die es nach oben befördern."

Wasser – das ist das zentrale Thema der Nach-Bergbau-Ära. Die Zukunft Prosper-Haniels wird noch diskutiert. Man wird wahrscheinlich Schächte und Strecken mit Beton füllen. Man könnte sie aber womöglich auch zur Energiespeicherung nutzen. Oder sie zumindest teilweise mit Kultur füllen. Doch egal, was man tut: Das Wasser wird die Nachwelt noch lange beschäftigen. Zum einen das an der Oberfläche, zum anderen das in der Tiefe der Grube.

Oben sammeln sich oberflächennahes Grundwasser, Regen und Wasser aus Bächen in Senken, die der Bergbau geschaffen hat. Nach dem Abbau schließen sich die unterirdischen Hohlräume, dadurch haben sich große Flächen des Ruhrgebiets abgesenkt, um fünf bis zehn Meter, teilweise sogar um dreißig. Damit diese gewaltigen Gebiete nicht absaufen, werden sie eingedeicht, und das Wasser wird abgepumpt. Die höchsten Deiche Deutschlands schützen nicht gegen die Fluten der Nordsee, sondern gegen die des Flusses Lippe und stehen in Hamm. Eine "rheinische Seenplatte" entstünde, wenn nicht rund 600 Pumpen tagtäglich dagegenhielten. Eine einzige Anlage pumpt in jeder Sekunde den Inhalt von dreißig Badewannen. Mit der Wassermenge, die jährlich allein in der Emscher-Lippe-Region gefördert wird, könnte man die nahe gelegene Edertalsperre viermal befüllen.