Immer wieder diese Weise, immer wieder das Schmalzküchlein aus dem Salzburger Land. Stille Nacht säuselt zwischen Bratwurst und Glühwein über den Weihnachtsmarkt, es tropft wie Schokosoße aus dem Kaufhauslautsprecher. Eine Version ergreifender als die andere: als Weihnachtsarie mit hundert Streichern und Helene Fischer oder als Traumfabrik-Welthit von Bing Crosby aus dem Jahr 1942, mit ganz viel Lametta. Ehe der Hahn am Neujahrsmorgen kräht, haben wir es dreihundertmal ertragen. Nur eines ist es nie, nämlich – still.

Die geringste Schuld daran trifft den Hilfspfarrer Joseph Mohr und seinen Organisten Franz Xaver Gruber, die das Lied Stille Nacht, heilige Nacht vor 200 Jahren in die Welt brachten, und zwar in Oberndorf an der Salzach, einem Örtchen etwa 20 Kilometer nördlich von Salzburg, knapp vor der heiligen bayerischen Grenze. Sie meinten ihr Lied anders, als es heute gesungen wird. Weil es keine Aufnahmen von der Uraufführung am 24. Dezember 1818 in der längst verschwundenen Kirche St. Nicola gibt, ist das eine ungefährliche Behauptung – die wenigen Quellen decken sie aber. Mohr und Gruber haben ihrer Gemeinde ein leises, sanftes Hirtenlied geschenkt; eine Wiegenmelodie fürs Christkind, mit der sie den Salzachschiffern und Handwerkern von Oberndorf in schwieriger Zeit Hoffnung spenden wollten.

Heute, genau 200 Jahre später, ist Stille Nacht das Weihnachtslied aller Weihnachtslieder und Teil der Wohnzimmer-Dreifaltigkeit: Tannenbaum – Krippe – Stille Nacht. Kein anderes Lied wird Heiligabend auf der ganzen Erde von so vielen Menschen gesungen. Die Unesco hat Stille Nacht 2011 zum Weltkulturerbe erklärt; zum Jubiläum 2018 feiern sie in Oberndorf – ach was, im ganzen Salzburger Land, in ganz Österreich Stille-Nacht-Festspiele: mit Konzerten, Theater, Musical und einer mehrteiligen Landesausstellung. Mit Stille-Nacht-Weihrauch, Stille-Nacht-Bier und Stille-Nacht-Schokokuss. Ein Stille-Nacht-Museum, eine Stille-Nacht-Kapelle und eine Stille-Nacht-Gesellschaft gibt es schon lange.

Fleißig wurde die Geschichte des Liedes mit Anekdoten und freier Erfindung ausgeschmückt: Da wird von schneebedeckten Bergen erzählt, die Pfarrer Mohr zur Inspiration durchwandert haben soll. Von gebärenden Frauen, an deren Bett er seine Zeilen geschrieben habe. Oder war es doch ein Altarbild, das ihm "Holder Knab im lockigen Haar" aus der Feder fließen ließ? Angeblich war just zum Fest 1818 in der Kirche von Oberndorf der Blasebalg der Orgel von Mäusen zerfressen, weswegen Mohr zur Gitarre, Gruber zur Feder griff und sie schnell ein Lied ersannen. Rührend schließlich ist die Episode, nach der ein Kind des Organisten Gruber kurz vor Weihnachten 1818 gestorben sei – aus Verzweiflung und zum Selbsttrost habe er Stille Nacht komponiert.

Nichts davon ist wahr, alles stimmt ein bisschen. Kräftig klingen die Legenden mit, wenn im Scheine der Kerzen die ersten Takte erklingen. Doch wie war es wirklich, vor 200 Jahren, mitten im tiefen Winter, mitten in der "Stillen Nacht"? Es lohnt sich, den dicken Zuckerguss, der auf dem Lied klebt, beiseitezukratzen. All das Blingbling, der innig-biedermeiernde Überbau haben die Botschaft des Liedes verschwinden lassen, wie auch die Hälfte seiner Verse. Bei der Suche danach helfen kann der reichhaltige Sammelband Stille Nacht. Das Buch zum Lied von Thomas Hochradner, Professor für Historische Musikwissenschaft am Salzburger Mozarteum. Zusammen mit Michael Neureiter, dem Präsidenten der Stille-Nacht-Gesellschaft, hat er pünktlich zum Fest dieses 300 Seiten starke Kompendium herausgegeben.

Im Anfang ist der nackte Text: Joseph Mohr bringt ihn bereits 1816 zu Papier, nicht erst 1818. Er lebt zu diesem Zeitpunkt auch nicht in Oberndorf, sondern in Mariapfarr, hoch oben auf über 1100 Metern in den Lungauer Alpen. Es ist seine erste Stelle nach der Priesterweihe, Mohr ist 24 Jahre alt.

1792 kam er in Salzburg als uneheliches Kind einer Strickerin auf die Welt, sein Vater soll ein Soldat gewesen sein, der Reißaus nahm, als die Schwangerschaft ruchbar wurde. Zur Armee kehrt der Vater zurück, zur Frau nicht. Drei weitere Kinder bringt Josephs Mutter Anna zur Welt, alle unehelich. Joseph hat als Einziger das Glück, das Gymnasium besuchen zu dürfen und eine musikalische Ausbildung zu bekommen. Der Vikar und Chorleiter am Salzburger Dom, Johann Nepomuk Hiernle, nimmt sich seiner an. Schon als Jugendlicher verdient Joseph Geld mit Musik: Er spielt Violine auf Konzerten und singt. Er studiert, im Sommer 1815 wird er zum Priester geweiht. Womöglich bittet Mohr selbst darum, 1816 nach Mariapfarr geschickt zu werden, weil aus diesem Ort sein flüchtiger Vater stammt. Der jedoch lebt nicht mehr. Er ist Jahre zuvor in einer Schlacht gefallen. Mohr findet immerhin seinen Großvater.