Es ist eine Zeit der Kriege: Seit 1791 versucht das habsburgische Österreich wieder und wieder, mit Preußen, Russland und anderen Mächten eine Koalition gegen das revolutionäre Frankreich zu schmieden und den demokratischen Umsturz in Europa zurückzudrängen. Für das Fürsterzbistum Salzburg bricht eine schwere Zeit an. Ende 1800 fallen französische Truppen – mittlerweile ist Napoleon in Paris Alleinherrscher – in das Gebiet ein und besetzen es. Erzbischof Colloredo flieht nach Wien. Die Menschen in Salzburg ächzen unter Plünderungen, Einquartierungen und Kontributionszahlungen. Das Bistum wird der Kirche entrissen, schließlich verliert es 1816 durch den Vertrag von München seine Selbstständigkeit. Bayern bekommt den Westen bis zur Salzach, Österreich den Rest. Die mächtige Residenz Salzburg sinkt herab zur Kreisstadt. Die Wirtschaft ist ausgeblutet, die Menschen sind erschöpft. Salzburg ist am Ende.

Das liegt auch an einer seltsamen Kaltzeit: Zwischen 1810 und 1820 fallen die Temperaturen in Mitteleuropa drastisch. Überschwemmungen suchen die Menschen heim; ganze Ernten, ganze Orte spült das Wasser hinfort. Auf den Gipfeln der Alpen bilden sich Eispanzer. Hervorgerufen werden die Kälte und der Dauerregen durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Große Mengen Asche steigen in die Atmosphäre und verdunkeln auf der gesamten Erde die Sonne. In Italien kommt rötlicher Schnee vom Himmel, in Tirol und Salzburg ist er gelb. 1816 folgt dem harten Winter ein verregneter Frühling, Sommer, Herbst – zwölf Monate bleibt es kalt und nass. Der Himmel schimmert rostbraun. 1816 gilt bald als "Jahr ohne Sommer". Selbst wer Geld hat, kann nichts kaufen, weil es nichts gibt. In den Alpenländern essen die Menschen Gräser und Schnecken. Die Stadtvorderen von Salzburg empfehlen, das Brot mit Kleie und Holzmehl zu strecken. Ganz Europa stürzt in eine Hungersnot.

In Mariapfarr klettert auch sonst zwischen Oktober und März die Temperatur selten über den Gefrierpunkt; 1816 dürfte es mehrere Monate strengen Frost gegeben haben. Der Ort liegt in einem Hochtal, von Hängen und Felswänden umgeben, im Winter begraben unter tiefem Schnee. In der Mitte des Ortes reckt allein der Turm der Kirche "Unserer Lieben Frau" das Haupt in den Himmel.

Joseph Mohr litt als Kind unter Tuberkulose; in der Kälte bricht sein Leiden wieder auf. Außerdem erhoffen sich seine Vorgesetzten mehr von ihm, als er leisten kann. Ein Pfarrer schreibt bei der Visitation etwas verklausuliert: Man solle Mohr "bei seinen hoffnungsvollen Anlagen Zeit zur weiteren Entwicklung seines Charakters und Diensteifers geben". Im Januar 1816 muss Joseph Mohr auch noch seinen Großvater beerdigen, den er gerade erst kennengelernt hat. Irgendwann in dieser Zeit, vielleicht um Weihnachten herum, verfasst er ein Gedicht. Die ersten Zeilen lauten: "Stille Nacht, heilige Nacht! / Alles schläft, einsam wacht / nur das traute, heilige Paar. / Holder Knab im lockigten Haar, / schlafe in himmlischer Ruh". Der Text hat sechs Strophen. Wie auch das Lied, das Mohr mit dem Organisten Gruber zwei Jahre danach, am Heiligabend 1818, komponieren wird. Die erste, die sechste und die zweite Strophe des Gedichts werden viele Jahrzehnte später als Weihnachtslied bekannt und mehr als ein Jahrhundert später auch berühmt. Wie sehr sich die Aussage des Textes durch die Kürzungen, die er erfährt, verändert, zeigt ein Blick auf die Strophen, die auf der Strecke bleiben.

Die Schilderung jener Nacht in Bethlehem dominiert das gesamte Lied zunächst keineswegs – sie beginnt zwar in der ersten Strophe und wird abgeschlossen in der sechsten: "Hirten erst kundgemacht, / durch der Engel Halleluja / tönt es laut von ferne und nah: / Jesus der Retter ist da!" In den vier Strophen dazwischen geht es aber eher um die Botschaft der Heiligen Nacht und ihre Bedeutung für die Gegenwart. Die zweite Strophe ist bekannt: "Gottes Sohn, o wie lacht / Lieb aus deinem göttlichen Mund, / da uns schlägt die rettende Stund, / Jesus in deiner Geburt".