Die Strophen drei, vier und fünf sind nur Eingeweihten geläufig. Zu sperrig waren sie für die große Karriere, zu theologisch und womöglich auch zu politisch. In Strophe drei will Joseph Mohr zeigen, welche Zusage Gott den Menschen durch die Geburt Jesu macht: "Stille Nacht [...] / die der Welt Heil gebracht / aus des Himmels goldenen Höh’n, / uns der Gnaden Fülle lässt sehn: / Jesus in Menschengestalt." Die vierte Strophe trägt die frohe Botschaft in die Welt hinein: "Stille Nacht [...] / Wo sich heute alle Macht / väterlicher Liebe ergoss / und als Bruder huldvoll umschloss: / Jesus, die Völker der Welt". Wer will, hört hier Schillers 1808 veröffentlichtes Gedicht An die Freude anklingen ("Alle Menschen werden Brüder"), das Mohr gekannt haben könnte. Auf jeden Fall spricht aus den Zeilen die Sehnsucht eines Menschen, der fast sein ganzes Leben lang die Heimat im Krieg erlebt hat – und der die Botschaft des Evangeliums dagegensetzt. Ganz im Geiste der Aufklärung, so interpretiert es der Literaturwissenschaftler und Theologe Hermann Kurzke, wandelt sich die Menschwerdung Gottes in einen Aufruf zur Völkerverständigung.

Die fünfte Strophe schließlich spannt den Bogen aus der Gegenwart ins Alte Testament, zum Bund Gottes mit Noah: "Stille Nacht [...] / Lange schon uns bedacht, / als der Herr, vom Grimme befreit, / in der Väter urgrauer Zeit / aller Welt Schonung verhieß". Nach der Sintflut, so berichtet das Buch Genesis (9, 11), spricht Gott zu den Menschen: "Ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass [...] hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe." Es ist gut möglich, wenn nicht anzunehmen, dass Joseph Mohr seinen Mitmenschen am Ende des Jahres 1816 Mut machen will: Auch die katastrophalen Überschwemmungen und der Regen dieses "Jahres ohne Sommer", in dem er schreibt, werden ein Ende haben, bald wird Land in Sicht kommen.

Nachdem Mohr das Gedicht verfasst hat, verschwindet es erst einmal in der Schublade.

Wegen seiner Lungenprobleme wird er im Sommer 1817 auf Kur zurück nach Salzburg geschickt. Schon im Herbst tritt er aber wieder zum Dienst an, nun in der St.-Nicola-Gemeinde in Oberndorf an der Salzach. Der Ort ist geprägt von den Schiffern, die das Salz von der Stadt Hallein den Strom hinunterschiffen. Bei Oberndorf macht der Fluss eine scharfe Biegung; hier wird verladen und das Salz über eine Brücke in die Stadt Laufen gebracht, die am anderen Ufer liegt. Bis kurze Zeit zuvor gehörte Oberndorf zu Laufen. Doch nun ist Laufen bayerisch, die Grenze verläuft quer durch den Fluss. Für die Schiffer ist das fatal, plötzlich sollen sie Zoll zahlen. Krieg, Flut, Hunger und der Abstieg Salzburgs haben ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren schon schwer geschadet – die Trennung von Laufen bedeutet für viele das Aus.

Die Schiffer sind eine stolze und verschlossene Gemeinschaft, die jedoch einen niedrigen sozialen Status hat und gerade in Zeiten der Not zu den allerärmsten Gruppen gehört. Um den Fluss mit seinen Launen zu besänftigen, halten sie Bittgottesdienste ab, rufen Sankt Nikolaus als Patron der Seeleute an und auch Sankt Christophorus als Patron der Lastträger. Zu Allerheiligen lassen sie Schiffchen mit Kerzen auf der Salzach treiben. Einige Kirchenobere halten das für Aberglauben. Der Treffpunkt der Schiffer ist eher die Gastwirtschaft als die Kirchbank.

Joseph Mohr findet schnell einen Weg zu den Herzen seiner Gemeindeglieder, weil er wird wie sie: Er trinkt, singt und lacht mit ihnen und steigt in ihre Boote. Der ihm vorgesetzte Pastor ist außer sich und schreibt einen Brief voller Galle und stummem Neid nach Salzburg: "er spielet und trinket nächtlicher Weile, er singet mit und unter andern oft nicht erbauliche Lieder, er schwezet auch mit Personen andern Geschlechtes, benimmt sich wenigstens nicht geistlich, und fahrt mit Mädchen aus; beim letzt grossen Wasser fuhr er gleich andern Schiffbuben im Nachen [Kahn] herum. [...] seiner Vorliebe zur Musik [...] [scheint er bereit] alles zu opfern."

Das geht nicht lange gut. Schon nach zwei Jahren, Ende 1819, wechselt Mohr in eine andere Gemeinde. In die kurze Oberndorfer Zeit fällt aber die Begegnung mit dem Kirchenmusiker Franz Xaver Gruber, ohne den Stille Nacht wohl ein Gedicht geblieben wäre. Gruber ist zwar 1787 als Sohn eines Webers im Innviertel zur Welt gekommen, besucht aber nach der Schule ein Lehrerseminar und lässt sich in Burghausen, auf der anderen Seite des Inns, zum Organisten ausbilden. Als er Mohr kennenlernt, ist Gruber seit 1807 Lehrer in Arnsberg, einem Nachbarort von Oberndorf. Gruber heiratet dreimal und wird Vater von zwölf Kindern, von denen aber nur vier das Erwachsenenalter erreichen. Er stirbt 1863 in Hallein.