Für Rainer Hagenbusch ist der Fall klar: Sein jüngerer Bruder wurde in Mexiko ermordet. © Illustration: Adams Carvalho für DIE ZEIT

Niemand weiß, ob die beiden Fahrradfahrer Holger Franz und Krzysztof Chmielewski gemeinsam getötet wurden. Bilder öffentlicher Überwachungskameras in San Cristóbal zeigen, wie sie den Ort im mexikanischen Bundesstaat Chiapas am 20. April auf unterschiedlichen Straßen verlassen. Auf einem Marktplatz in Oxchuc sollen sie einander, einer Zeugin zufolge, am späten Nachmittag begegnet sein. Ein Taxifahrer will Holger und Krzyś dann zwei Tage später noch auf der Landstraße 199 gesehen haben, mit fünf Kilometer Abstand zueinander.

Rainer hat der Gelnhäuser Neuen Zeitung ein Interview gegeben. Sie berichtet unter der Überschrift "Holger war kein Draufgänger":

"Für Rainer Hagenbusch ist der Fall klar: Sein jüngerer Bruder wurde in Mexiko ermordet, gemeinsam mit dem polnischen Radfahrer Krzystof Chmielewski. 'Holger hat Chmielewski erst am Tag der Ermordung kennengelernt. Dessen Kopf wurde mit der Machete abgetrennt. Der Leiche fehlten zudem ein Fuß und das Herz. Das trägt die Handschrift mexikanischer Drogenkartelle, die auf diese Weise Menschen bestrafen.' Sein Bruder sei erschossen worden, weil er Zeuge des Vorfalls wurde. Mit Drogen habe der 43-Jährige nie etwas zu tun gehabt. 'Er hat nicht einmal geraucht.'"

Die Theorie würde erklären, warum man Krzyś vor seinem Tod augenscheinlich gefoltert hat. Die Haut am Rücken war verbrannt, dem Autopsiebericht zufolge wurde auch sein Herz entfernt. Holger dagegen hat man kurzerhand erschossen. Genau genommen stammt die Theorie nicht von Rainer, sondern geht zurück auf einen Bekannten, der in Mexiko lebt und "seine Kontakte" habe spielen lassen, wie Rainer sagt. Doch bei einem Telefonat erklärt der Mann später, das seien reine Spekulationen. Immerhin stamme der Pole ja laut eigenen Facebook-Posts aus schwierigen Familienverhältnissen, sei mit wenig Geld unterwegs gewesen und habe am Strand sogar Zigaretten geschnorrt.

Reicht das? Zigaretten schnorren und wenig Geld haben? Welcher Traveller wäre leichtsinnig genug, sich auf einen Deal mit der Drogenmafia einzulassen? Und welches Kartell sollte einem radfahrenden Hippie auf der Durchreise Ware zum Transport anvertrauen? Zumal auf der Landstraße zwischen San Cristóbal und Palenque kein Mangel an Kurieren herrscht. Lasten- und Taxifahrer, selbst Polizisten sind hier schon mit Rauschgift im Kofferraum erwischt worden.

Außer dem Zustand der Leiche gibt es keinen einzigen Anhaltspunkt, der die Theorie stützt, mit der Krzyś für seinen Tod selbst verantwortlich gemacht wird. Aber sie ist in der Welt, nachdem Rainer sie geäußert hat und Medien sie verbreitet haben. Noch Wochen später werden Freunde von Holger im Gespräch erwähnen, sie hätten gehört, der Pole sei schuld an seinem Tod gewesen.

Das Auswärtige Amt rät seit dem Fund der Leichen von Kilometer 158 ab von "unbegleiteten Einzelreisen auf der Bundesstraße 199 in Chiapas, die Palenque und San Cristóbal de las Casas verbindet". Grundsätzlich wird zu erhöhter Vorsicht geraten, im gesamten Land. "Polizeikräfte oder uniformiertes Sicherheitspersonal bzw. Kriminelle, die sich als solche ausgeben, können grundsätzlich an Straftaten beteiligt sein."