Ein Adventsabend in London, in der Kirche St Martin-in-the-Fields am Trafalgar Square. Von draußen dringt der Lärm der Welt herein, das Hupen, die Sirenen und das Motorenbrummen eines der turbulentesten Plätze in einer der globalisiertesten Städte in einer der gespaltensten Nationen der Westens. Gespalten ist sie über die Frage, ob die Verheißung der "einen" Welt, die seit dem großen Mauernfall vor drei Jahrzehnten den politischen Generalkurs vorgab, eine Utopie war, aus der es nun zu flüchten gilt. So sieht es nicht nur ein Teil der Briten. So sehen es immer mehr Menschen in aller Welt; Staatschefs unter anderem.

Die Spaltung zwischen jenen, denen die Post-Mauern-Welt immer mehr Gewinne verspricht, und jenen, die sie mit immer mehr Verlusten bedroht, zieht sich durch alle Gesellschaften, die sich – früher oder später in ihrer Geschichte – ihre freiheitlich-parlamentarischen Konstruktionen von der Insel abgeguckt haben. Nun bricht der Kitt. "Die Zeit ist aus den Fugen", flüstert Hamlet unserer Generation, Politikern wie Bürgern gleichermaßen, in die Ohren: "Oh, verfluchte Tücke, dass ich sie wieder herzustellen geboren bin!"

Weihnachten ist die Sehnsucht nach diesem Gelingen, nach Versöhnung. Aber glaubt man noch dran? Wie soll das gehen, zwei Bevölkerungsteile zu befrieden, die – auch in Deutschland – den jeweils anderen als Angreifer auf ihre Lebenswelt wähnen und sich in einen mentalen Bürgerkrieg eingraben?

In St Martin-in-the-Fields füllen sich zur Feierabendzeit die Bänke. Als die Kirche im 18. Jahrhundert erbaut wurde, sorgte sie für Streit. Ein rechteckiger Kasten nach Art eines griechischen Tempels mit einem seltsam herausbrechenden Glockenturm – was soll das? Man kann die Kritik noch immer teilen. Der Architekt war vielleicht etwas zu ehrgeizig, sein Gotteshaus zu bauen. Ob dieser Avantgardismus ein Fortschritt war? Man muss damit nicht komplett einverstanden sein.

Aber Raum für welch einen Gemeinschaftsgeist bietet er! Sämtliche Plätze sind jetzt belegt, selbst diejenigen hinter den Säulen, die keine Sicht nach vorn bieten – dorthin, wo Chor und Orchester The Glory of Christmas versprechen. Es gibt Bach, Händel, dazwischen Lesungen von Dickens. Vor allem aber gibt es etwas, das nicht auf dem Programm steht.

Auf den Fenstersimsen brennen Kerzen. Als die Lampen gedimmt werden, weicht das kalte Weiß des Deckengewölbes dem warmen Schein, den die Besucher sich schaffen. "Jauchzet, frohlocket!", schmettert der Chor, und er meint es so, denn: "Now it’s your turn", ruft der Dirigent danach dem Publikum zu. Zeit für traditionelle Weihnachtslieder. Die Menschen haben darauf gewartet. Sie stehen auf. Jetzt sind sie die erste Stimme. Der Chor übernimmt die zweite. In the Bleak Midwinter, God Rest Ye Merry, Gentlemen, Silent Night.

Good tidings heißt es in englischen Weihnachtsliedern, wo im Deutschen die "frohe Botschaft" steht. Tiding heißt auch so viel wie verknüpfen. Die frohe Botschaft des Wortes ist: Macht euch selbst zur Botschaft. Wenn die Zeit aus den Fugen ist, wenn das Gehäuse falsch erscheint, dann lohnt es, sich daran zu erinnern, dass jeder Moment die Einladung enthält, der Mitgestalter eines anderen zu werden. So geht Geschichte, schon immer. Der Mensch schafft, mithilfe anderer, Schöneres. Die Umarmung ist das Sinnbild dieses Anspruchs.

Jetzt noch Händels Halleluja, die Hymne der Ergriffenheit. Aber ergriffen wovon? Sie müssen nicht religiös sein, um es zu verstehen. Der Gott, der hier gelobet wird, hat die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Das bedeutet, dass er sie mit gleichen Rechten geschaffen haben muss, mit gleichem Geltungsanspruch, mit gleicher Würde. Lobpreis dieser Idee, denn für solche Geschöpfe ist die Zeit kein Meister, im Gegenteil.

Wie schließt Hamlet gleich sein Seufzen: "Nay, come, let’s go together!"