Amerika wieder groß zu machen, das hat Donald Trump seinen Wählern versprochen. Und dabei setzt der US-Präsident vor allem auf das Militär. 716 Milliarden Dollar will seine Regierung für die Streitkräfte, das Verteidigungsministerium und das ganze Drumherum im kommenden Jahr ausgeben. Im August unterzeichnete Trump das Ausgabengesetz 2019 vor Soldaten auf dem Stützpunkt Fort Drum im Bundesstaat New York. Alles war in Szene gesetzt: Der Präsident saß an einem Tisch, um ihn herum standen Uniformierte stramm, im Hintergrund wartete ein grau lackierter Helikopter. Sein persönlicher Erfolg sei die Ausweitung des Wehretats, sagte Trump. Er nannte sie "historisch" und das "signifikanteste Investment in unser Militär" in der modernen Geschichte.

Doch vor allem war das Ganze eine große Show. In absoluten Zahlen mögen die Ausgaben für das Militär zwar gewaltig wirken. Sie sind aber weder ein Rekord – noch dient jeder darin enthaltene Dollar wirklich der Verteidigung. Wer den Etat genauer untersucht, entdeckt vor allem ein großes Zahlenspiel, das Trump augenscheinlich in erster Linie dazu nutzt, seine Verbündeten in Europa unter Druck zu setzen.

"Das ist keine revolutionäre Neuausrichtung unter Trump", sagt der deutsche Politologe und Amerika-Analyst Johannes Thimm. Seit Jahren untersucht er regelmäßig die Militärausgaben der USA. "Der Anteil des US-Verteidigungshaushalts am Bruttoinlandsprodukt ist nicht so hoch wie früher, während des Kalten Krieges war er viel höher." Sogar die ersten drei Verteidigungsetats von Trumps Amtsvorgänger Barack Obama waren höher als der aktuelle – wenn man die Summen um die Inflation bereinigt.

Im Frühjahr hatte Trump bereits den Wehretat für 2018 als den höchsten in der Geschichte bezeichnet. Schon damals war das übertrieben. "Weit entfernt von einem historischen Anstieg", bewertet das Center for Strategic and Budgetary Assessments, ein unabhängiger Thinktank aus Washington, die amerikanischen Verteidigungsausgaben. Ohnehin war Trumps angeblicher Mega-Wehretat für 2018 nur so hoch, weil die Parteien im Kongress sein angestrebtes Budget noch um weitere Ausgaben erhöht hatten. Repräsentantenhaus und Senat bewilligten 25 Milliarden Dollar mehr als von der Regierung ursprünglich beantragt.

Im laufenden Jahr weisen die USA mit 692,1 Milliarden Dollar den mit Abstand größten Verteidigungshaushalt im Nato-Bündnis auf. 2019 wird das wieder so sein. In den vergangenen Jahren machte der US-Wehretat etwa die Hälfte aller weltweiten Militärausgaben aus. Von einer unfairen Lastenverteilung innerhalb der Nato spricht Trump deshalb. Seit seinem Amtsantritt verlangt er, dass die Europäer, vor allem die Deutschen, ihre Verteidigungsausgaben erhöhen. Dabei vermischt er verschiedene Themen. Die Bundesregierung in Berlin kritisiert der US-Präsident, weil der deutsche Exportüberschuss zu groß sei und die Bundesrepublik so die Vereinigten Staaten ausnutze. "Trittbrettfahrer" nennt er die Deutschen.

Trump verweist dabei auf eine Vereinbarung innerhalb der Nato, die vor seinem Amtsantritt geschlossen wurde. Die Mitglieder waren 2014 übereingekommen, ihre Verteidigungsetats langfristig auf zwei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes (BIP) anzuheben. Davon sind die meisten Nato-Staaten aber weit entfernt. Deutschland, das 2018 gut 38,5 Milliarden Euro in die Verteidigung investiert, müsste wohl fast 80 Milliarden Euro für die Bundeswehr ausgeben, um dieses Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen. Momentan liegt der deutsche Wehretat – der im Fachjargon "Einzelplan 14" heißt – bei knapp 1,3 Prozent des BIP. Das Kabinett Merkel plant derzeit, die Quote bis 2024 sehr moderat auf 1,5 Prozent zu erhöhen.

Die USA liegen weit darüber. 2017 waren sie bei gut 3,1 Prozent des BIP, in diesem Jahr dürfte der Wert noch leicht steigen. Allerdings rechnen die Amerikaner immer mal wieder Ausgaben in den Haushaltsposten für Verteidigung mit ein, die nicht das Pentagon oder die Streitkräfte betreffen.

So gingen im vergangenen Jahr drei Milliarden Dollar aus dem eigentlichen Verteidigungsetat an den Grenzschutz. Fast acht Milliarden Dollar waren für "other defense-related activities" vorgesehen, also für andere Verteidigungsaktivitäten. Diese Mittel gingen an das Federal Bureau of Investigation – besser bekannt als Bundespolizei FBI – und an das Department of Homeland Security, also das Innenministerium. Weitere Teile aus dem Verteidigungshaushalt fließen in einen Rententopf für CIA-Agenten, kommen also Mitarbeitern des Auslandsgeheimdienstes zugute. Das alles hat nicht unbedingt mit der Landesverteidigung im Sinne der Nato zu tun.

Zudem investieren die Amerikaner viel Geld in ihre weltweite Militärpräsenz – die mit den Verteidigungsaufgaben der Nato ebenfalls nicht immer etwas zu tun hat. Rund 65 Milliarden Dollar sind demnach für die zahllosen Auslandseinsätze der Streitkräfte vorgesehen, die in Afghanistan noch Krieg führen, im Irak gegen Terroristen kämpfen und mit Spezialeinheiten in Syrien aktiv sind.

Für die Verteidigung des Nato-Gebiets in Europa investieren die Vereinigten Staaten hingegen nur 30 Milliarden Dollar und damit lediglich fünf Prozent ihres Wehretats – das haben die Experten vom unabhängigen International Institute for Strategic Studies in London errechnet. Stellt man diesen 30 Milliarden Dollar jene rund 240 Milliarden Dollar gegenüber, die von den Europäern insgesamt für die Nato aufgebracht werden, erscheinen Trumps Forderungen nach einer Aufrüstung in Europa nicht mehr begründet. "Angesichts dieser Zahlen kann niemand behaupten, dass fehlende Beiträge der Europäer verantwortlich für den hohen US-Verteidigungshaushalt sind", sagt Politologe Thimm. "Es gibt in Amerika momentan überhaupt kein Interesse und keinen Willen, den Wehretat zu senken – egal, was die Verbündeten für die Sicherheit ausgeben."

Trump geht es also wohl vor allem darum, den Druck im Handelsstreit zu erhöhen. Jüngst hatte er sogar gefordert, die Verbündeten müssten vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung investieren. Diesen Wert erreichen jedoch selbst bei noch so großzügiger Arithmetik nicht einmal die Amerikaner.