Der Ton macht die Literatur. Ob als uraltes Gefäß, wiedergewonnen aus geschichtetem Staub; ob als Echo einer vergessenen Sprache, eines Gesangs; oder als der Moment, da aus Geräusch Musik wird. Die Keramik trägt ihr Alpha und Omega in ihren Bezeichnungen: Aus "Scherben", wie man das rohe Mineraliengemisch nennt, kommt sie; zu Scherben wird sie. Mit der Literatur verhält es sich ähnlich, muss sie doch aus Sprachmüll bricoliert werden und wird irgendwann wieder in Sprachmüll aufgehen. Aber bis dahin kann sie eine Welt bilden. Ihr Körper ist das Buch. Durch ihn kann sie atmen.

Wenn Judith Schalansky ein Verzeichnis einiger Verluste vorlegt, hat sie in diesem Sinn das Buch der Bücher geschrieben. Sein Titel bezeichnet den Inhalt präzise – es handelt sich um eine Wunderkammer des Abwesenden: Ein verschollener Murnau-Film findet sich darin, eine untergegangene pazifische Insel, Gedichte der Sappho. Oder besser gesagt: Ihr Schatten, ihr Nachhall findet sich, in Erzählungen, die jeweils eine ganz eigene Form annehmen. Jede ist mit einer kursiv gesetzten Einleitung versehen, die den vergangenen Gegenstand so skizziert, als spräche sie von Menschen – in einen mit * markierten Abschnitt zur "Geburt" und einen mit † markierten zu seinem "Tod" geteilt. Dem Buch vorangestellt ist ein Essay über die Vergänglichkeit und den paradoxen Impuls, ihr etwas entgegenzusetzen, aber zugleich Frieden mit ihr zu schließen.

Schalanskys Grundton ist altmodisch, etwas spröde, er verdichtet die Welt und fächert sie in langen, kunstvoll geschachtelten Sätzen wieder auf. Ein prägendes Element sind ehrwürdig deiktische Konstruktionen mit "jene", die sich auf vielen Seiten des Buches finden: "jene vielfach beschworene Wasserstraße ... jene dröhnende Stille ... unverheilte Narben jener Vorzeit ... jene Skelette neuer Atolle". Dieser Manierismus kann anstrengen, wird jedoch irgendwann zum Mantra, das in diesem Buch seine Berechtigung hat: es ruft das Verlorene herbei. Denn die Verluste sind die Negativform des Begehrten. Man verzeichnet sie, um die Dinge zu beschwören. So ist es nur schlüssig, wenn das Verzeichnis einiger Verluste klingt, als würden gegenwärtiges waches Denken, angegilbte Gelehrtheit und der vielleicht ruhelose, aber niemals die Contenance verlierende Geist Thomas Manns zu einer Sprache gebrannt.

Der Ton ändert sich mit der literarischen Form über die knapp 250 Seiten hinweg erheblich, spürt den Abdrücken der verschwundenen Dinge auch dort nach, wo die Vergangenheit noch ganz frisch ist. Dem abgerissenen Palast der Republik ist eine klassische Kurzgeschichte gewidmet. Wie immer hat Schalansky, die Kommunikationsdesign studierte und Herausgeberin der Reihe Naturkunden im umtriebigen Verlag Matthes & Seitz ist, die Gestaltung ihres Buches selbst übernommen. Illustrationen sind in Grau gehalten, verschwommene Bilder von Karten, Gemälde an der Grenze zur Unschärfe, die Anatomie eines Einhorns im Kupferstich, ein körniges Filmstill. Sie alle werden Ikonen des Verschwundenen, Zeichen, die auf nicht mehr Auffindbares verweisen. Ihren Rahmen bilden abstrakte grauschwarze Wellenmuster, wie ein Pixelrauschen, in dem alle Bilder aufgehoben, aber nicht mehr erkennbar sind.

Alle Jahre wieder hört man Klagen über die angeblich immer dickeren Wälzer, die ambitionierte Schriftsteller – und auch immer mehr Schriftstellerinnen – produzieren, um wie seinerzeit Uwe Johnson mit seinem monumentalen Jahrestage-Projekt eine neue und doch ganz an unsere Erfahrung gebundene Welt zu erschreiben: eine Welt gegen die Welt zu halten. Und alle Jahre wieder verbitten sich andere solche Beschwerden und werben dafür, sich von den Erzählleviathanen verschlucken zu lassen. Die Lektüre des Verzeichnisses einiger Verluste erinnert daran, dass es beim universellen Anspruch nicht auf die Dicke des Buches ankommt. Schalansky formuliert ihren Anspruch selbst in ihrem Vorwort, aber eben in der klugen Bescheidenheit, dass etwas erst im klaren Erkennen der totalen Vergänglichkeit bewahrt werden kann, dass erst darin eine Oase der sanften, aber stabilen Ordnung möglich wird.

Schon der erste verzeichnete Verlust, das vom Meer wieder überspülte Südseeatoll Tuanaki, wird als ein Ort völliger Gewaltfreiheit imaginiert, kurz: als Paradies. Dass eine solche Projektion nicht zur romantischen Beliebigkeit oder gar zum Kolonialkitsch gerät, ist der Genauigkeit sowohl im Arrangement der historischen Belege als auch im reflexiven Nachvollzug der eigenen Denkbewegung, Perspektive und Einbildungskraft zu verdanken. Schalansky schreibt nicht ohne Haltung, ihre Texte bieten genug Reibungsfläche. Aber sie verurteilt nicht, sondern versucht fortwährend, erzählend zu verstehen. Im Kontext der erbittert geführten Debatten etwa über Migration, also die Konfrontation mit dem (scheinbar) Fremden, oder über die Restitution von Raubkunst, aber auch über den Klimawandel und das Artensterben, erschafft sie so einen narrativen Freiraum, in dem man endlich und gänzlich unerwartet in Ruhe nachdenken kann, anstatt sich immer nur auseinandersetzen zu müssen. So hat sie mehr erreicht, als sie wohl selbst von ihrer Forschung nach dem versunkenen Atoll Tuanaki je erwartet hätte: Sie hat eine kleine neue Friedensinsel erschrieben.

Überhaupt ist die Suche nach dem Verlorenen alles andere als eskapistisch, demonstriert sie doch, dass unsere Weltbilder permanent neu gezeichnet, justiert und ergänzt werden müssen, um nicht zu Wahnsystemen zu erstarren. Nicht selten hilft der Blick auf das Abseitige bei der Neuorientierung.

Aus den Augen der historischen Zeichnung des ausgestorbenen Kaspischen Tigers schaut uns die Weltgeschichte an. Schalansky schreibt im Bewusstsein der Unwiederbringlichkeit, ohne deshalb untröstlich zu sein. Keine Sentimentalitäten trüben ihren Blick, sie ist ganz klar. Wohl lässt sie sich vom Bedauern leiten. Sie will den verschwundenen Dingen gerecht werden, sie sollen auf je individuelle Weise abwesend sein.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 252 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €