Sagen wir es mal so: Die Stasi war schlimmer als dieses Theaterstück. Leander Haußmann hat versucht, Schild und Schwert der Partei, das Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik, dem befreienden Volksgelächter preiszugeben – dreieinhalb Stunden lang, auf des Volkes Bühne in Berlin. Tatsächlich, es wurde gelacht. Und gegähnt.

Der Alt-Tschekist Ludger Fuchs monologisiert in seiner Kneipe über die Wahrhaftigkeit der Lüge. Daheim wartet Gattin Ramona, erregt. In der Stasi-Akte fand sie fremde Post: "Ich liebe Dich, Ludger, mein Jean Paul, mein Celan, mein Dylan. Du wunderbarster aller Liebhaber." Scheißakte! Der postkommunistisch Ertappte bestreitet das Dokument. Die Zeterszene nimmt kein Ende, bis die Handlung endlich weiterschleicht: Wieder Kneipe, Stasi-Veteranen, Tiraden über Rentenkürzung und Siegerjustiz, doch die Truppe wähnt sich intakt, bereit zum letzten Gefecht.

Zurück in die DDR. Fleischwogend erscheint der Stasi-Minister (Waldemar Kobus) und verkündet: "Das is’ doch keine Firma hier, is’ doch eine riesengroße Famielke." Sodann verlangt der Genosse Minister sein antifaschistisches Schlaflied. Die Truppe schmettert die Märtyrer-Moritat vom Kleinen Trompeter, worauf er zum erlösenden Weinkrampf gelangt und Entspannung findet.

Pause. Ödere Lustbarkeit als die erste Halbzeit von Haußmanns Staatssicherheitstheater lässt sich schwerlich denken. Das Programmheft erklärt den Plot: Unterwanderung der Boheme durch artspezifische Konspirateure. "Da die R. maßgeblich in der sogenannten negativ-dekadenten Künstlerszene sowie den sogenannten Bürgerbewegungen wie 'Kirche von unten', 'Umweltbibliothek', 'Schwerter zu Pflugscharen' verkehrt und dort eine zentrale Rolle spielt, wurden eine Reihe von operativen Maßnahmen beschlossen, die das Umfeld der R. zersetzen und ihre Stellung innerhalb der sogenannten Szene in Misskredit ziehen sollen."

Geplant, getan. Zwei Tschekisten erbrechen die Wohnung der R. Sie ermorden einen Sittich, der staatsfeindliche Parolen kräht, drapieren einen Herrenschlüpper, Rotweingläser, fremde Zigaretten und verspritzen Ejakulat. Leider kommt die R. unerwartet früh nach Hause, gefolgt vom Ehemann Ludger F. Im konfliktgesättigten Klamauk wird gebrüllt, gerammelt, ein nackt gefüllter Schrank mit der Axt geöffnet, ein Glied abgehackt, ein Herzinfarkt nicht überlebt und Bettina Wegners widerständige Ballade Traurig bin ich sowieso geplärrt (von Antonia Bill als junger Ramona, die natürlich selber bei der Stasi ist). Des Weiteren lässt der Rockfan Haußmann Renft, die Rolling Stones, Leonard Cohen und Feeling B erschallen. Bob Dylan stolpert phänotypisch durchs oppositionelle Milieu, Allen Ginsberg qualmt und deklamiert Howl. Und alle singen Graham Nash: "Our house is a very very very fine house."

Star des Abends ist das Bühnenbild von Lothar Holler: ein dreistöckiger Altbau, vorstellbar im Ostberliner LSD-Viertel (Lychener/Schliemann-/Dunckerstraße). Der Betrachter überwacht alle Räume, dank Kameras, die das Innenleben des Hauses auf zwei seitliche Bildwände übertragen. Außerdem erscheinen dort die berühmten Fotos des Prenzlauer-Berg-Chronisten Harald Hauswald: Ikonen der alten Zeit, laut Stasi-Jargon "Müllkasten-Fotografie".

Dann wird das Haus von der Rampe gerollt. Im Dämmer des Bühnenhintergrunds wartet der Stasi-Lada. Der Tschekisten-Trupp kurvt zum Genossen Minister. Der volkstümliche Brutalitär berlinert arbeiterklassisch und thront barock. Sein Hofstaat, ein Rokoko-Ballett, erstattet ihm Bericht von der erfolgreichen Aktion. Leider sei die Dissidentenszene total inaktiv. Der Minister konstatiert: Wenn die tatsächlich nichts machen, dann haben wir es mit einem völlig neuen Typ Feind zu tun.

Die Feindproduktion der Stasi ereilte auch den jungen Leander Haußmann. Das Programmheft dokumentiert IM-Denunziationen von 1987 aus dem Theater Gera, über ihn und seine Schauspielfreunde Norbert Stöß und Uwe Dag Berlin. Beide besetzte er jetzt in diesem Stück, dessen krawallige Clownerie sein großes Thema so albern unterläuft und relativiert. Am Tag der Uraufführung erklärte Haußmann via Süddeutsche Zeitung: "Der Verräter oder Denunziant ist eine Charaktereigenschaft, die unsere deutsche Nation eint." Er selbst sei unlängst derart tituliert worden, von der Volksbühnen-Schauspielerin Silvia Rieger. Als die erfuhr, dass Haußmann sein Staatssicherheitstheater bereits Chris Dercon angeboten hatte, habe sie gewütet: "Du Verräter, du Arschloch, das sag ich dem Frank." Nun spielt sie die heutige Ramona; der Frank saß im Publikum. Nochmals Haußmann: "Wenn es um die Grundhaltung geht, (...) ist Frank Castorf der Erwin Piscator, und ich wäre gern Max Reinhardt." Piscators oder Reinhardts Reaktion erreichte uns noch nicht, aber, auf dem Heimweg, der Kommentar des großen literarischen Dramatikers Lothar Trolle: "Wär ich mal lieber zu Hause geblieben und hätte weiter meinen Herder gelesen."