Die biblische Weihnachtsgeschichte vom Kind in der Krippe spielt in einem ganz großen Theater. Die Kulisse ist der Kosmos mit seinen Gestirnen, ein geschweifter Himmelskörper beleuchtet die Szene, Himmel und Wüste umarmen einander.

Auch die Rollen sind universal besetzt, da sind die goldbeladenen Könige und die armen Schlucker von den Feldern. Da sind die Tiere versammelt und die Menschen. Und der Soundtrack kommt von oben, aus dem schwebenden Heer der Engel: "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden."

Was hier in den Weiten Palästinas geschieht, hat einen weltumspannenden Anspruch. Dieser eine Augenblick – eingefroren im globalen Kalender und seither die Welt-Zeit in ein Vorher und ein Nachher unterteilend – richtet sich an die ganze Menschheit. Er ist größer als das damalige Römische Reich, größer als die später entstehenden christlichen Kirchen, ja größer als alle Religionen überhaupt: Er ist das Bild eines neugeborenen Kindes, jene ewige Option des Neuanfangs. Er ist das Lied vom Frieden, der möglich ist.

Der gute Wille ist universal. Er übersteigt die Grenzen der Nationen und Religionen

Doch woher soll der Friede kommen? Und für wen gilt er?

Auch das sagt die Weihnachtsgeschichte, und da beginnt schon der Streit: Die katholische Kirche, die den "Vulgata"-Text – eine lateinische Übersetzung aus dem 4. Jahrhundert – tradiert hat, übersetzt den Gesang der Engel "et in terra pax in hominibus bonae voluntatis" ins Deutsche: "... und Frieden auf Erden, bei den Menschen (, die) guten Willens (sind)".

Martin Luther, der zwölf Jahrhunderte später die Bibel aus der ihm vorliegenden Ausgabe des griechischen Urtextes übersetzte, schreibt 1546: "Und Friede auff Erden / Und den Menschen ein Wolgefallen" – also dass der Friede auf Erden einhergehe mit dem "Wohlgefallen der Menschen".

Die moderne Exegese wiederum beruft sich auf eine andere, wohl ältere griechische Textüberlieferung, auf der unter anderem die 2017 revidierte Luther-Übersetzung beruht. Hier hält der "Friede auf Erden" Einzug "bei den Menschen seines (also Gottes) Wohlgefallens".

Was wie kleinliches Gezänk unter Schriftgelehrten daherkommt, ist bei näherer Betrachtung sehr bedeutsam – stellt es doch die Frage, wer für die Entstehung von Frieden verantwortlich ist und wem er gilt: Ist der Friede ein Geschenk "von oben", das dem Wohlgefallen der Menschen dient (Luther)?

Ist er nur einer exklusiven Kohorte zugedacht, die Gott als "Menschen seines Wohlgefallens" herausgepickt hat?

Oder ist der Friede auch von menschlicher Mitwirkung abhängig – von denen nämlich, die "guten Willens" sind?

Und wenn ja – was soll das dann sein, dieser gute Wille?

Der Philosoph Immanuel Kant kommt in seiner Metaphysik der Sitten zu dem Schluss, dass nichts in und außerhalb der Welt für "gut" gehalten werden kann "als allein ein guter Wille". Dieser Wille gilt immer der Erhaltung des Lebens auf der Erde und einer gerechten Koexistenz. Auch er ist – wie das Hoffnungsbild vom Neugeborenen – universal und übersteigt die Grenzen von Nationen, Kulturen und Religionen.

Man stelle sich bloß vor, wie viel von der edlen Ressource bereits in der Welt ist: In diesen Tagen denken wir an jene wenigen Personen, die nach der Barbarei der NS-Zeit und dem Massensterben des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren einen Neuanfang des guten Willens gemacht und die Charta der Menschenrechte niedergelegt haben. Die Völker der Welt haben sich dieser Charta angeschlossen.

Wir denken an die Gründung der Vereinten Nationen, mit welcher durch Versammlung aller Völker der Versuch einer globalen Friedenssicherung ihren Anfang nahm.

Wir denken an Kattowitz, wo Menschen guten Willens aus vielen Nationen gerade mit einigen wenigen Politikern weniger guten Willens darum rangen, das Klima der Erde zu retten, um unseren Planeten als lebenswerten Ort zu erhalten.

Wir denken an große friedliche Kämpfer für Gerechtigkeit wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Izchak Rabin oder Nelson Mandela. Und nicht nur an diese – jeder Kontinent bringt in einem fort weitere ungezählte Menschen guten Willens hervor: Diplomaten und Unterhändlerinnen, die Kriege und Konflikte im Stillen verhindern.

Ärzte wie den soeben mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege, der von Soldaten vergewaltigte und gefolterte Frauen operiert.

Taucher, die kleine Jungs aus einer thailändischen Höhle befreien – freiwillig und unter dem Einsatz des eigenen Lebens.

Millionen junger Leute auf der ganzen Welt, die einen zukunftsfähigen und solidarischen Lebensstil des Verzichts und des Teilens anstreben.

Unzählige Menschen, die für den Frieden in ihrem Haus, ihrer Straße, ihrem Viertel sorgen, indem sie Alte und Kranke besuchen und pflegen, mit benachteiligten Kindern Fußball spielen oder ihnen Nachhilfe geben.

Bete, als hinge alles von Gott ab! Handle, als hinge alles von dir ab!

Kurz: all jene Menschen, die den urmenschlichen Reflex, stets für sich selbst den besten Deal herauszuholen, immer aufs Neue überwinden und hinter sich lassen.

Wir wissen heute viel darüber, warum Konflikte ausbrechen und wie Kriege beginnen. Forschungsinstitute erklären uns, wie man Frieden "macht".

Und trotzdem: Der Friede unter den Menschen bleibt letztlich ein Geheimnis und ein Geschenk – so wie die Liebe. So wie die Geburt eines Kindes.

Das Unbestimmte in den verschiedenen Übersetzungen des Weihnachtsevangeliums weiß, dass dem Frieden immer auch ein Zauber innewohnt – gegeben und zugleich durch guten Willen erreicht. Gottesgeschenk und Menschenwerk. Gnade und Leistung.

Und weil Weihnachten ist, darf dieser Leitartikel mit einem Wort des Kirchenvaters Augustinus schließen: "Bete, als hinge alles von Gott ab. Handle, als hinge alles von dir ab."

Frohe Weihnachten!

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