Ich war schon Ende 30, Mutter von zwei kleinen Typen, als ich das erste Mal hörte, wie jemand mit ungetrübtem Entzücken, ja leidenschaftlich von Weihnachten schwärmte. Ausgerechnet Ebba, das Au-pair. Ebba war eine Estin im XXL-Wikinger-Format, sie war aus ihrem von den Russen befreiten Land zu unserer Kleinfamilie gestoßen. Sie traf zur rechten Zeit ein. Uns war gerade der Vater abhandengekommen. Ebba dröhnte: "Mama, nicht weinen!", und riss mich an ihre Brust, alternativ donnerte sie: "Jetzt aber!", packte die Kinder an den Handgelenken und wirbelte sie hoch über ihrem Kopf herum, ähnlich wie man es beim Hammerwerfen sieht, aber ohne je loszulassen, was Kinder und Mutter mit Quiekschreien goutierten, während sie alle Sorgen kurz vergaßen.

Weihnachten, ließ Ebba hören, sei der schönste, der heiterste Tag des Jahres. Na ja. Wieso? Wegen der Familie. Also Ebba und ihr vielköpfiger Klan, alle zusammen zogen sie am Heiligen Abend durch den Schnee in die Kirche, und danach: das Essen. Ebba rollte lustvoll die Augen. Das Festessen! Die Rede war von herrlichsten Köstlichkeiten. Welchen? "Hackbällchen!", rief Ebba. "Kartoffelsalat!" Wow. So einfach. Slow Christmas.

Weihnachten stand mir bislang mit einer anderen Agenda vor Augen. Als multiples Stresswunder. Schon früh hatte ich verstanden, dass das Fest der Liebe nicht vom Christkind allein bewältigt werden konnte, dass es jeden erdenklichen Support brauchte. Von einer Mutter, also meiner Mutter.

Im Advent wurde das Esszimmer zum Weihnachtszimmer. Mama verschwand darin des Nachmittags für Stunden und Stunden. Wir Kinder lungerten an diesen düsteren Nachmittagen vor der Tür herum. Unergiebig. Aus Schlüssellochperspektive: nix zu sehen. Zu hören: raschelruschel, Zischeln, dann dies Rrrr-Geräusch. Nähmaschine? Es kamen die Tage, an denen auch die Küche gesperrt war, von dort Scheppern und Qualm. Dann, am Heiligen Abend, waren die Kindlein an der Reihe – Einkleidung in Schottenkleidchen und Wollstrumpfhose, Sonntagsschuhe, dann scharfes "Aus der Stirne"-Kämmen des Ponys ("Wir sind ja keine Affen"). Endlich flog die Tür auf, und da stand er, der Baum.

Kerzen warfen ihren Schein über überquellende Plätzchenteller. Auf dem Tisch Platten des buttertriefenden Kirschhefekuchens mit Mandelblättchen sowie des mit Gittergeflecht überkrusteten Apfelkuchens. Unter dem Geschenkpapier des Vorjahres die selbst gestrickten Pullover und der neu tapezierte Kaufladen. Für meine Puppe Wolfgang gab es etwa handgestrickte Kniestrümpfe, für Waltraud, die Puppe meiner Schwester, scharf gebügelte Faltenröcke, alles in Puppen-petit! Aus der Küche die Schwaden der Gans, dazu Rotkohl in Schweineschmalz aus eigener Schlachtung. Auch Papa trug das Seine zum Weihnachtswunder bei, er zog typischerweise drei Tafeln Schokolade aus der Sakko-Tasche und platzierte sie in wohlbemessenen Abständen auf dem Gabentisch. Darauf, alle Jahre wieder, der Ehekrach.

Weihnachten war ein emotionales Heiß- und Kaltwasserbad, ein Höllenritt für die Kinderseele. Einerseits herzklopfende Erwartung, andererseits der scharf empfundene Stress. Kling, Glöckchen, klingeling plus Gebrüll. Irgendwann konnte man fliehen, zog von zu Hause fort, man hätte auch Weihnachten hinter sich gelassen, hätte man sich nicht verpflichtet gefühlt, ausgerechnet zu Weihnachten wieder nach Hause zu kommen.

Und dann wurde man selbst Eltern.

Wie jedes junge Paar wollten wir alles anders machen. Hatten aber, nicht ohne Verlegenheit, einen kleinen Baum gekauft und für den Baum kleine Glasanhänger. Es war die Zeit, als die Glasanhängerproduktion noch nicht in ihre globalisierte Überhitzungsphase eingetreten war, es waren die ersten verrückten Glasanhänger, man stellte sich vor, wie das Kind im Gewirr der Zweige das silberne Hexenhäuschen aus Glas entdecken würde, das süße Bild würde sich in die kindliche Retina einbrennen. Es gab auch eine Glasgeige und Tropfen aus farbigem Glas und Lametta satt. Am Lametta, hatte meine Mutter immer gesagt, zeige sich, wer fleißig sei – wer es auf die Zweige schmiss, wo es dann wie Kuhfladen hing, verfuhr nach der Faule-Mädchen-Variante. Wer es säuberlich, Faden für Faden, auffieselte und auf dem Baum verteilte, nach der Fleißkärtchen-Variante. Ich stand neben mir und sah, wie ich Silberfäden entwuschelte.