Unsere Sprache verknappt sich, sie wird effizienter, aber dabei auch bedeutend ärmer. Das sieht man nicht nur bei Kurznachrichtendiensten, wo die Menschen ganze Weltanschauungen auf wenige Wörter einkochen. Man hört es auch auf der Straße, beim Bäcker, auf dem Elternabend: Wir bellen, statt miteinander zu reden.

Aus "Guten Tag" etwa ist längst "Tag" geworden. Oft wird es, selbst schon denkbar kurz, phonetisch noch weiter verkürzt, mit kurzem A und gutturalem CH, heraus kommt ein gepresstes "Tach". Der Laut eines heiseren Hundes.

Das ist kein Wunsch mehr, nicht einmal ein richtiger Gruß, sondern nur noch eine nüchterne, ja irgendwie verbitterte Feststellung. So wie: "Kalt draußen", "Fahrstuhl kaputt" oder "Tank leer". Ein Tag, das ist die kollektive Erfahrung hinter dieser verkürzten Formel, ist entweder ganz von allein gut, oder er ist es nicht, was anscheinend öfter der Fall ist, dann hilft aber auch keine Phrase mehr. Genauso müßig wäre es ja, jemandem "Viel Geld" zuzurufen, "Weniger Sorgen" oder "Mehr Ähnlichkeit mit einem Hollywoodstar". Es würde rein gar nichts ändern an der Lage der Dinge.

Und so ist "Tag" beziehungsweise "Tach" der symptomatische Zuruf einer fatalistischen Gesellschaft, die auf schmerzliche Weise gelernt hat, dass das Leben nun mal so ist, wie es ist. Was soll’s? Man kann es ja eh nicht ändern. Tag ist Tag, Tach ist Tach. Er geht vorüber, das ist oftmals das einzig Gute an ihm, und dann sagt man mit letzter Kraft: "Nacht."

So kann man im Alltag der Sprache beim Verdorren zusehen. Wo einst Blumen blühten, weitet sich das karge Land aus, Wörter liegen herum wie nackte Steine, dazwischen halten sich die letzten Kommata, Wüstengras gleich. Der Klimawandel der Kommunikation.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Menschen einander noch immer und mit nicht nachlassender Herzlichkeit "Frohe Weihnachten" wünschen – und nicht bloß nüchtern konstatieren: "Weihnachten." Denn das wäre den äußeren Umständen ja durchaus angemessen: Es ist mal wieder so weit. Alle Jahre wieder. Auch das noch.

Seit Ende August kündigen es die Dominosteine, die Christstollen und die zu Nikoläusen umgeschmolzenen Schokoladenosterhasen in den Supermarktregalen an wie Menetekel. In der Fernsehwerbung beginnt es bereits im Spätsommer zu schneien, in den Schaufenstern der Kaufhäuser fahren mollige Teddybären Schlitten, immer hin und zurück. Beinah jedes Lebensmittel wird mit Zimt und Nelken versetzt wie mit einem schleichenden Gift. In den Amtsstuben, Wartezimmern und Klassenräumen riecht es so sinnesbetäubend nach Duftkerzen und aromatisiertem Tee, dass man Weihnachtssterne vor den Augen sieht.

Unter Kollegen werden Wetten abgeschlossen, wer wann zum ersten Mal "Last Christmas" von Wham! durch den Äther dudeln hört. Die einschlägigen Hitsender lassen sich nicht lange bitten. Meistens erwischt es einen im dichten Berufsverkehr, als würde einen die Grippe übermannen. Man fühlt sich plötzlich unendlich schwach und elend, man friert und schwitzt zugleich, die Nase läuft, der Hals schmerzt, die Ohren dröhnen, man schlottert, der Kopf droht zu platzen. Und man weiß mit einem Mal, was einem bevorsteht: Einkaufs- und Sozialstress, das Nachkochen kompliziertester Rezepte, um die Schwiegereltern zu beeindrucken, überhitzte Stuben, nadelnde Tannen, Geschenke, die man sich nicht gewünscht hat und über die man sich dennoch freuen muss.

Man nennt diesen Exzess gemeinhin "Weihnachten". Was soll daran denn bitte froh sein?

Das Wort "Weihnachten" hat viele Synonyme: die besinnliche Zeit, das Fest der Liebe, stille Nacht, heilige Nacht. Doch alle sind sie Euphemismen, kitschige Verklärungen der Wirklichkeit, um nicht zu sagen: Notlügen. Unter äußersten nervlichen Strapazen wird ein längst ausgehöhltes Ritual aufrechterhalten, eine automatisierte Folklore, angetrieben von überbordendem Konsum, Rührseligkeit und falschen Erwartungen. Kaum jemand ist unsentimental, kritisch und mutig genug, das auszusprechen, was eigentlich alle wissen. So wie das Kind im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen, das inmitten der hysterisch jubelnden Untertanen ruft: "Aber er hat ja gar nichts an." Darauf der Vater sagt: "Hört die Stimme der Unschuld!"

Es ist nicht im Geringsten "besinnlich", wenn die Kleinen sich vor Aufregung über die nahende Bescherung aufs Sofa erbrechen, es hat mit "Liebe" kaum etwas zu tun, wenn man für Opa noch schnell eine Schachtel Pralinen am Bahnhof kauft, weil der Paketbote die bestellten Socken nicht rechtzeitig gebracht hat, und wenn der stumpfsinnige Neffe den Todesstern von Lego in den Tannenbaum schleudert, ist das alles andere als "still" und "heilig". Es ist der Vorhof zur Hölle. Um es in Abwandlung eines Satzes von Leo Tolstoi zu sagen: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie feiert auf ihre eigene Weise Weihnachten.

Woher also nehmen die Menschen denn die Kraft und den Glauben, einander trotz alledem "Frohe Weihnachten" zu wünschen? Und wie schaffen sie es, dass man ihnen das auch noch abnimmt?