Seit gut einer halben Stunde schreitet sie die Baumreihen ab, so recht gefallen will ihr nichts. Ab und an bleibt die Endfünfzigerin stehen, zupft am Pelzbesatz ihrer Handtasche, überlegt. Ihr Mann, der dachte, der Christbaumkauf am Stand von Johann Hackl vor einer Kirche im 19. Wiener Bezirk würde schnell gehen, hat sich auf den Parkplatz zurückgezogen und wartet im Auto – der Verkäufer, der die Wirtschaftsingenieursgattin berät, sieht längst aus, als würde er lieber auf dem Beifahrersitz neben ihm sitzen.

Rund 2,8 Millionen Naturchristbäume stehen zu Weihnachten in Österreichs Haushalten. Knapp 90 Prozent davon stammten aus heimischem Anbau: ein Wirtschaftsfaktor mit einer Wertschöpfung von 22 Millionen Euro im Jahr und rund 1.000 Arbeitsplätzen in strukturell schwachen Regionen. Über eine Million Bäume produzieren Bauern allein in Niederösterreich, den Großteil am Jauerling im südöstlichen Waldviertel. Dort, wo auch Johann Hackl seine Baumfarm betreibt – einen von weniger als einem Dutzend Biobetrieben in Österreich.

Auf Pressebildern mähen Bauern mit der Handsense Unkraut, und Pferde ziehen mit einem Schlitten Tannenbäume aus dem verschneiten Wald: eine Illusion, die – geht es nach der Arge Christbaum der Landwirtschaftskammer – gern aufrechterhalten werden darf. Der heimische Christbaum ist ja im Vergleich zum weit gereisten, importierten Produkt die klimafreundliche Alternative. Doch so einfach ist es nicht – was auch an den Wünschen der Konsumenten liegt.

Den Christbaum auszusuchen, ist für viele eine hoch emotionale Kaufentscheidung

In Dreiecksform, mindestens zweieinhalb Meter hoch, mit geradem Wipfel, gleichförmigen Astreihen und dunkelgrün glänzenden Nadeln, buschig und bauchig: So soll die Nordmanntanne sein, die sich die Kundin von Johann Hackl wünscht. "Wie direkt aus dem Wald!", sagt sie, meint aber: "Wie aus dem Bilderbuch." Obwohl sie seit Jahren hierherkommt, um ihren Christbaum am Stand von Hackl zu kaufen, weiß sie nicht, dass seine Bäume aus ökologischem Anbau stammen. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich keine Kennzeichnung, die verrät, ob Fichte oder Tanne aus konventionellem oder biologischem Anbau stammt. Der Kundin ist das einerlei: "Wieso bio?", fragt sie und lacht. "Ich will den ja nicht essen!"

Franz Raith, seit 24 Jahren Vorsitzender der Arge Christbaum in Niederösterreich, sitzt im Wintergarten seines Hofes in Rodlingersdorf. Rundherum herrscht reges Treiben: Kunden, die sich unter Hunderten Tannen und Fichten ihren Christbaum aussuchen, für viele eine hoch emotionale Kaufentscheidung. "Die Qualität, die wir mit heimischen Christbäumen anbieten können, ist europaweit führend und so gut wie noch nie," sagt Raith zufrieden. Früher wurden Bäume oft Tausende Kilometer weit aus Nordeuropa importiert. Dass in Österreich mittlerweile Jahr für Jahr rund 2,5 Millionen regionaler Christbäume in den Wohnzimmern stehen, sieht er als Dienst am Klima.

Damit die Bäume symmetrisch sind, ist rund zehn Jahre lang Chemie im Einsatz

Was Franz Raith auch erwähnt, wenn auch nicht gerne: Damit die Bäume sattgrün und symmetrisch angeboten werden können, ist über einen Zeitraum von rund zehn Jahren Chemie im Einsatz.

So lange braucht eine Nordmanntanne, bis sie zweieinhalb Meter erreicht, und sie braucht intensive Pflege. Der Baum darf nicht wachsen, wie er es im Wald täte, wo sein Leittrieb in der Vegetationszeit so viel an Höhe wie möglich gewinnen würde. Jene Äste, die den Christbaum buschig machen, blieben dürr. Gras und Unkraut, das in den jungen Christbaumkulturen besonders gut spießt, weil die Sonne anders als im Wald bis zum Boden dringt, verhindern das gleichmäßige Wachstum der unteren Astreihen, die den Baum zum optischen Dreieck machen. Im Unkraut würden zudem Mäuse und anderes Kleingetier nisten, das auf dem Speisezettel von Raubvögeln steht – die sich zum Beobachten der Beute gerne auf Baumwipfel setzen und dabei Äste knicken. Die zu warmen Temperaturen der vergangenen Jahre begünstigten Schädlinge, die Knospen zum Absterben bringen und den Nadeln den Glanz oder die sattgrüne Farbe nehmen.

Tritt ein einziger dieser Faktoren auf, bedeutet das für Produzenten den Ertragsausfall von mehreren Arbeitsjahren. So niedrig könne der Preis gar nicht sein, sagt Johann Hackl, dass sich ein hässlicher Christbaum verkaufen ließe. Der 47-jährige Biobauer redet in breitem Waldviertlerisch, seine Augenbrauen hüpfen dabei fröhlich, auch wenn es nicht lustig ist, was er sagt. Denn anders als konventionellen Christbaumbauern bleiben dem Bioproduzenten keine chemischen Hilfsmittel, weder Herbizide noch Insektizide oder Fungizide.