Himberg wacht auf wie ein Knochen. Steif, hohl und nicht so richtig lebendig. Es ist vier Minuten nach vier. Oben kräht ein Kind, es ist seins. So richtig glauben kann er es nur wenige Minuten pro Tag. Er selbst: einer von zwei Eltern. Himberg schlurft weißbeinig in die Küche, er müsste hoch und übernehmen, steht aber noch einen kleinen Moment da, in Unterhose, zwei Finger am Espressotässchen, die Eier auf der Heizung, und überlegt, wie merkwürdig es ist, dass man tiefschwarzen Kaffee trinkt und hell pinkelt. Bleibt das ganze Schwarze in einem drin.

Er wickelt den Kleinen in Wollsachen, schnallt ihn sich vor den Bauch, steigt in die Schuhe.

Also raus. Ist doch schön. Ach, der Morgen! Still, kalt, dunkel. Was man nicht alles entdecken kann! Bevor die Sonne aufgeht. Bevor der Tag in Gang kommt und die Menschen aus ihren Häusern stolpern. Was noch mal genau? Die Stille. Ja, die Stille. Und dieser Himmel, so schwarz. Darin die Sterne, die hat Himberg schon lange nicht mehr gesehen. Sieht er ehrlich gesagt auch jetzt nicht, er läuft ja nicht mit Kopf im Nacken durch die Straßen, wenn er ein Baby vor dem Bauch hat. Außerdem kurzsichtig.

Himberg, als gelernter Langschläfer, ist nicht extrem gut gelaunt, er fühlt und genießt nicht leidenschaftlich im Morgen herum, das muss man dem Morgen zugutehalten: Man könnte sicher mehr in ihm entdecken. Aber Himberg ist sackmüde, seit vier Monaten und neun Tagen ganz stabil unterschlafen. Sein selbst geführtes Schlafkonto weist ein Minus von dreihundertsiebenundachtzig Stunden auf.

Die Ampel springt auf Grün. Himberg watschelt los, als hätte er einen Schalter. Er hat seine Mütze vergessen, sein ungewaschenes Haar fängt Frost. Junior sabbert voll wach gegen Himbergs Brustbein, er stellt sich vor, wie sie an dieser Stelle zusammenfrieren.

Himbergs Schicht dauert vier Stunden, viermal ungefähr eine halbe Stunde spazieren, zweimal Fütterung, einmal wickeln, knappe halbe Stunde Schlaf.

So kann man leben, sagt Himberg sich, schon okay. Genieß den Moment. Es ist so schnell vorbei!, sagen die hundert Münder, die mit Himberg sprechen und deren Restgesichter er vertauscht, vergisst. Himberg nickt, oder Himberg wippt, und am Ende seines Körpers wedelt sanft sein teilabgeschalteter Schädel. Kinder wachsen schneller als Fingernägel.

Er ist ja da! Er steht doch hier im Morgen! Auf der Straßeninsel, in der Arschkälte, eine entschiedene Vaterfigur! Sein ganzes Leben lang hatte Himberg davon geträumt, ein Frühaufsteher zu sein. Geträumt im wahrsten Wortsinne. Früh aufzustehen kann man sich den ganzen Tag lang bis spät in die Nacht vornehmen, um sich dann im entscheidenden Moment doch dagegen zu entscheiden. Wenn kein zwingender Grund vorhanden ist, ja, dann ist eben einfach kein zwingender Grund vorhanden.

Aber Junior ist so was von zwingend, und so steht Himberg also hier, als Vater, als Partner. Pausenlos. Das ist das, was man sich vorher am wenigsten vorstellen kann: die Pausenlosigkeit. Aber was jammert Himberg! Amanda hat den schweren Part gebucht, die ganze Nacht gestillt. Seit viereinhalb Monaten nie länger als zwei Stunden am Stück geschlafen. Sie gibt den ganzen Körper. Seit über einem Jahr. Raucht nicht, trinkt nicht, baut ein Baby, brütet, gebiert, versorgt. Einmal alles, rund um die Uhr. Und Himberg hält mal hier, wickelt mal da, tröstet, trägt, spaziert, hebt auf, trägt rum. Heul doch. Heulberg.

Johann Sebastian Bach hatte zwanzig Kinder, fährt als Satz zwei Stunden Karussell in Himbergs Hirn. So die Legende. Was hieß das wohl für seine Frau? Bestimmt war Bach nicht grad ein Vater himbergscher Prägung.

Anderen geht es schlechter, sagt sich Himberg, wenn die Augen brennen und das Kreuz Pfeile aus Schmerz in den Körper feuert. Es gibt die Nippelzwicker, die Hautreiber, die Fingerbeißer. Die Kleine von den Brokulas gegenüber ist zwei Jahre lang angeblich nur eingeschlafen, wenn sie Zeige- und Mittelfinger in den Nasenlöchern ihres Vatulas hatte. Stell dir das mal rein gymnastisch vor, in der Federwiege oder beim Stillen oder im Café.

Oder Kaiserpinguine. Bei denen hockt der Vater zwei Monate lang hungernd im Eis, brütet den Nachwuchs in einer Bauchfalte aus, während das Weibchen Fische im Eismeer fängt und sie nur dem Küken bringt. Nichts kriegt der Vater, der magert ab.

Himberg starrt in das spiegelnde Glas der Drogeriemarkttür, sieht sich sein Gesicht an, die alte Schuhsohle. Er sieht nicht aus wie jemand, der im Augenblick noch groß was vorhätte mit seinem Körper. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal Sex?

Mit halb geschlossenen Augen fünfhundert Schritte entlang der Hauptstraße, die so früh am Morgen ganz entfernt nach Nordsee mit Schluckauf klingt, dann biegt Himberg in den Park ein. Ein paar Meter, und er hört nur noch seine Schritte auf dem frostigen Boden. Plötzlich sind da Stimmen, Himberg bleibt stehen. Stimmen? Da, keine zehn Meter vor ihm, taucht eine Entenfamilie aus der Hecke und überquert laut schnatternd den Weg. Himberg erstarrt, Junior gurrt. Ja, es sind nur Enten, aber wie sie hier im eiskalten Morgen ihr ganz eigenes Entending machen, das rührt Himberg.

Eine Mutter, fünf Küken, zählt er, bevor sie auf der anderen Seite des Wegs wieder im Gebüsch verschwinden.