SPD-Chefin Andrea Nahles hat in einer Presseerklärung ihren Rücktritt als Partei- und Fraktionschefin angekündigt. "Die Diskussion in der Fraktion und die vielen Rückmeldungen aus der Partei haben mir gezeigt, dass der zur Ausübung meiner Ämter notwendige Rückhalt nicht mehr da ist", sagte Nahles. Am Montag werde sie daher im Parteivorstand ihren Rücktritt als SPD-Chefin und am Dienstag in der Fraktion ihren Rücktritt als Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion erklären. Sie wolle damit die Möglichkeit eröffnen, dass in beiden Funktionen in geordneter Weise die Nachfolge geregelt werden könne.

Auch ihr Bundestagsmandat will Nahles niederlegen. Das sagte eine Fraktionssprecherin gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Der Zeitpunkt stehe aber noch nicht fest. Zuvor hatten die Zeitungen der Funke Mediengruppe darüber berichtet. 

Am 27. Mai, einen Tag nach der Europawahl, hatte Nahles angekündigt, die für September angesetzte Wahl des Fraktionsvorsitzes auf den 4. Juni vorzuziehen. Grund dafür waren die schlechten Wahlergebnisse der SPD bei der Europawahl. Sie wollte erneut für den Posten kandidieren. Ihre Entscheidung hatte parteiintern für viel Kritik gesorgt, zumal die SPD-Führung sich eigentlich darauf geeinigt hatte, nach der Europawahl keine Personaldebatten zu führen.

Nahles hingegen war der Auffassung, ihre Gegner sollten mit offenem Visier kämpfen.  So war unter anderem darüber spekuliert worden, ob der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz oder Achim Post aus dem nordrhein-westfälischen Landesverband gegen Nahles antreten wollten. Schulz widersprach den Spekulationen, Post äußerte sich bisher nicht. Doch über das Wochenende war der Rückhalt für Nahles zusammengeschrumpft, aus allen Gliederungen der SPD kam Kritik an ihr.

"Die Entscheidung von Andrea Nahles verdient allergrößten Respekt", sagte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner nach ihrem Rücktritt. Der Umgangsstil innerhalb der SPD in den letzten Tagen und Wochen sei überhaupt nicht vom sozialdemokratischen Grundwert der Solidarität geprägt gewesen. "Wenn wir neues Vertrauen gewinnen und diese gravierende Krise überwinden wollen, muss sich das grundlegend ändern." Alle notwendigen programmatischen, organisatorischen und personellen Weichenstellungen müssten sorgfältig, gemeinsam und transparent auf den Weg gebracht werden.

Malu Dreyer als mögliche Übergangsparteichefin

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und SPD-Parteivize Malu Dreyer ist als Übergangsparteichefin im Gespräch. Dreyer bestätigte dies am Sonntagnachmittag in Berlin nicht, sie sagte nur: "Die Lage ist sehr ernst für die SPD, aber die SPD ist nicht führungslos." Das Präsidium der SPD, darunter Olaf Scholz, Manuela Schwesig, Ralf Stegner und Thorsten Schäfer-Gümbel sowie Dreyer, würden dem Parteivorstand am Montag Vorschläge machen, wie es weitergehen soll: "Die Lage ist sehr, sehr ernst gerade. Wir sind uns dieser Lage sehr bewusst. Wir brechen keine Entscheidung übers Knie, werden uns beratschlagen", sagte Dreyer.

Sie nannte Nahles eine "Kämpferin" und kritisierte den Umgangston in der SPD: In den vergangenen Tagen habe es Wortmeldungen gegeben, die nicht dem respektvollen Umgang entsprächen, "den wir als Partei leben wollen".  Das habe sie besorgt.

Ein ordentlicher Parteitag zur Neuwahl eines Parteivorsitzenden könne aufgrund der Einladungsfristen frühestens in drei Monaten stattfinden. Die Geschäfte des Fraktionsvorsitzenden werde als dienstältester Fraktionsvize Rolf Mützenich übernehmen, sofern die Fraktion am Dienstag noch keinen neuen Fraktionsvorsitzenden wähle. Zuvor hatte die Bild-Zeitung berichtet.

Beim SPD-Sonderparteitag im April 2018 in Wiesbaden war Nahles zur Parteivorsitzenden gewählt worden. Sie war damit die erste Frau in der Geschichte der Partei, die den Vorsitz übernahm. Der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte sie als seine Nachfolgerin vorgeschlagen. Nahles war einen Monat länger Parteivorsitzende als Schulz.

Von 2013 bis 2017 war Nahles Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Unter ihrer Verantwortung wurden unter anderem die Mütterrente und der gesetzliche Mindestlohn eingeführt.