"Hamburg leidet nicht am Fachkräfte-, sondern am Führungsmangel" – Seite 1

Immer wieder klagen Hamburger Betriebe, nicht genügend Fachkräfte zu finden. Im Bundesländervergleich sei der Expertenmangel in Hamburg am höchsten, warnte im Mai das Hamburger Abendblatt. Professor Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg sieht das anders; Deutschland führe eine Phantomdiskussion, sagt der Experte für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Wir haben in einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV und ZEIT ONLINE regionalisierte Daten analysiert und Straubhaar gebeten, diese für uns einzuordnen.

ZEIT ONLINE: Herr Straubhaar, wo genau steckt Ihrer Ansicht nach das Phantom in der Phantomdebatte – gibt es gar keinen Fachkräftemangel, oder dreht sich der öffentliche Diskurs um falsche Ursachen und Lösungen?

Thomas Straubhaar: Gäbe es einen Mangel an Fachkräften, müsste der sich gesamtwirtschaftlich von selbst beheben. Wenn bestimmte Dinge auf dem Markt rar sind, gehen die Preise nach oben, das ist ein Grundgesetz der Ökonomie. Aber bei den Fachkräften passiert das offenbar nicht: Die Löhne sind in vielen Fällen zu gering, die Arbeitsbedingungen nicht attraktiv genug. Es gibt gerade in der Metropole Hamburg genügend Fachkräfte, aber die Arbeitgeber tun zu wenig, um sie an sich zu binden.

ZEIT ONLINE: Die Wirtschaft leidet also nicht an einem Fachkräfte-, sondern an einem Führungsmangel?

Straubhaar: Genau. Der Ruf nach einem Einschreiten der Politik ist falsch; deren Idee, den Mangel über die Zuwanderung zu lösen, geht am Problem vorbei.

ZEIT ONLINE: Sind denn alle Hamburger Firmen so blind, dass sie diese Erkenntnis nicht sehen?

Straubhaar: Das ist ja das Verblüffende, das allen die Augen öffnen sollte: Es gibt hier durchaus eine Menge von Betrieben, die keinen Fachkräftemangel kennen, bei denen Menschen gerne und treu arbeiten. Das wiederum spricht sich herum und erleichtert, neue und zusätzliche Fachkräfte einstellen und beschäftigen zu können. Anstand zahlt sich eben auch da aus!

ZEIT ONLINE: Die FDP hat in Hamburg kürzlich genau das gefordert: Der Senat soll nach ihrem Willen unter anderem ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschieden. Das ist also Quatsch?

Straubhaar: Das Thema Zuwanderung wird in Bezug auf den Fachkräftemangel jedenfalls instrumentalisiert. Die Befürworter sehen in ihr die eierlegende Wollmilchsau, die nicht nur den Mangel beheben, sondern auch der Überalterung der Gesellschaft entgegenwirken und Expertenwissen ins Land bringen soll. Die Gegner argumentieren, dass die Zuwanderer die Mieten in die Höhe treiben, den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen und die Sozialkassen belasten. Beides ist maßlos übertrieben. Auf den Fachkräftemangel bezogen kommt der Zuwanderung eine viel geringere Rolle zu, als die Debatte es vermuten lässt.

ZEIT ONLINE: Wer also soll den Karren aus dem Dreck ziehen, wenn nicht die Politik?

Straubhaar: Die Politik muss – als grundsätzliche Faustregel – für attraktive Rahmenbedingungen sorgen, für ein gutes Bildungssystem etwa. Aber die Tarifpartner sind in erster Linie selbst gefordert; Angebot und Nachfrage sind nicht deckungsgleich. Es gibt also gar keinen absoluten Mangel, sondern ein Auseinanderklaffen der Erwartungen von Arbeitgebern und -suchenden: Die Wirtschaft will weiterhin billige Arbeitskräfte, die 40 Stunden die Woche ackern. Jobsuchende aber wollen heutzutage unter besseren Bedingungen arbeiten. In der Ökonomie nennen wir das ein klassisches Mismatch.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Hamburger Phänomen?

Straubhaar: Nein, es ist auf ganz Deutschland übertragbar. In der Hansestadt ist es aber im Vergleich zum Umland doppelt tragisch, dass viele Firmen den angeblichen Mangel beklagen. Denn immerhin gibt es hier keine Abwanderung, Hamburg ist eine attraktive Metropolregion. Was sollen da denn Bundesländer wie Mecklenburg Vorpommern sagen?

"Dass sich da kaum noch jemand bewirbt, ist klar"

ZEIT ONLINE: Schauen wir auf die Tabellen unter den Hamburg-Karten von CORRECTIV. Zwischen der Zahl der Jobsuchenden und der offenen Stellen klafft in jedem Bereich eine große Lücke.

Straubhaar: Das stimmt insofern, als dass es in der Stadt offensichtlich in jeder aufgeführten Branche mehr Suchende als freie Jobs gibt. Ein allgemeiner Fachkräftemangel ist damit ausgeschlossen, vielmehr finden die beiden Seiten nicht zusammen. Das ist der springende Punkt! Wer jetzt klagt, hat sich ganz offensichtlich zu lange zu wenig mit diesem Thema beschäftigt. Attraktivere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten und -orte sind das Gebot der Stunde – und natürlich mehr Lohn.

ZEIT ONLINE: Sind Lohnerhöhungen und flexiblere Arbeitszeiten also die Lösung aller Probleme?

Straubhaar: Nein, in manchen Bereichen müsste die Wirtschaft stärker in die Digitalisierung investieren, anstatt die Gehälter anzuheben. Langfristig kann sie ihre Nachfrage nach Fachkräften dann mithilfe von künstlicher Intelligenz beseitigen, vor allem bei Bus- und Lkw-Fahrern, Paketzustellern, Büro- und Sekretariatsjobs. 

ZEIT ONLINE: Gibt es dafür in der Hansestadt ein Positivbeispiel?

Straubhaar: Ja, die Hafen-Logistik. Die arbeitet spektakulär daran, Prozesse schlank und smart zu machen, Daten statt Waren zu verschieben und Güter ohne menschliche Arbeitskräfte zu transportieren. Sie setzt also technischen Fortschritt gegen einen möglichen Fachkräftemangel ein, sodass es Menschen in manchen Bereichen kaum noch bedarf.

ZEIT ONLINE: Und welche Branchen klagen zu Unrecht? 

Straubhaar: Da können Sie die Top 10-Liste unter den Graphiken direkt übernehmen. Von Betrieben aus diesen Bereichen habe ich die meisten bösen Reaktionen bekommen, als ich erstmals vom Fachkräftemangel als Phantomdiskussion gesprochen habe. Aber seit wann wissen wir, dass etwa Erzieherinnen und Krankenpfleger viel zu schlecht bezahlt werden? Das ist seit Jahrzehnten bekannt; mehr Geld bekommen die Leute trotzdem nicht. Dass sich da kaum noch jemand bewirbt, und schon gar keine jungen Menschen, ist klar.

ZEIT ONLINE: Gibt es weitere Lösungsmöglichkeiten außer Digitalisierung und bessere Arbeitsbedingungen?

Straubhaar: Ja, die Wirtschaft müsste stärker dafür Sorge tragen, dass Arbeitnehmer das ganze Leben lang weitergebildet werden. Schließlich zeigt sich seit der Einführung von Hartz IV und dem langen ökonomischen Aufschwung der vergangenen zehn Jahre, dass Leute auch im fortgeschrittenen Alter auf dem Arbeitsmarkt zu halten sind. Sie sollten sich stetig weiterqualifizieren, um mit dem Fortschritt mithalten und als Fachkräfte arbeiten zu können.

"Anderswo gibt es längst flächendeckend Selbstbedienungskassen"

ZEIT ONLINE: Welche Branche kann man damit in Hamburg nicht mehr erreichen – wo sehen Sie Menschen auf lange Sicht als überflüssige Arbeitskraft?

Straubhaar: Zum Beispiel im Verkauf. Da hinkt Deutschland schon heute weit zurück. Anderswo gibt es längst flächendeckend Selbstbedienungskassen in Supermärkten, an denen die Kunden ihre Waren selbst scannen. Hier in Hamburg spielt sich Einkaufen überwiegend noch ab wie vor zwanzig Jahren: vom Regal in den Wagen, aufs Laufband, zur Kassiererin, zurück in den Wagen, ins Auto. Wie umständlich! Das nutzt nicht annähernd die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, Kassiererinnen und Kassierer sind also bald digital ersetzbar, ein potenzieller Fachkräftemangel ist in dieser Branche gelöst. Was geschieht mit den Jobsuchenden?

Straubhaar: Das ist eine wichtige Frage. Ich vermute, dass die meisten Menschen in Zukunft viel weniger arbeiten werden als heute, weil 40-Stunden-Wochen im Rahmen der Digitalisierung schlicht nicht mehr nötig sein werden. Durch den Einsatz von digitalen Technologien müssen sich Produktivität und Stundenlöhne dann natürlich gleichermaßen erhöhen, damit das Leben finanzierbar bleibt. Es gibt aus ökonomischer Sicht keinen Grund, wieso das nicht möglich werden sollte. Wenn das klappt, finde ich das supergut.


Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von ZEIT ONLINE mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org.