Linda Poppe arbeitet für Survival International in Deutschland. Die Organisation setzt sich für indigene Völker auf der ganzen Welt ein wie zum Beispiel die Ureinwohner im brasilianischen Regenwald. Wie sehr die Indigenen unter den Bränden im Amazonas-Gebiet leiden und was Europa tun kann, erklärt Poppe im Interview. 

ZEIT ONLINE: Frau Poppe, wie viele indigene Völker leben in Brasilien?

Linda Poppe: Laut Schätzungen sind es rund 300 indigene Völker, aber jedes Einzelne ist unterschiedlich groß. Es gibt Völker mit mehreren Zehntausend Angehörigen und solche, die nur einen Angehörigen haben. Die kleinen Völker sind am meisten bedroht. Insgesamt zählt fast eine Million Menschen zur indigenen Bevölkerung in Brasilien. 

ZEIT ONLINE: Wie viele Indigene sind von den Bränden im Regenwald betroffen?

Poppe: Nach unseren aktuellsten Zahlen sind es 148 indigene Gebiete. In diesen Territorien leben manchmal auch mehrere Völker zusammen. Diese Menschen müssen sich in Sicherheit bringen, weil es oft nicht möglich ist das Feuer zu löschen. Es gibt auch Indigene, die versuchen, selbst das Feuer zu bekämpfen. Sie haben aber nicht die entsprechende Ausrüstung und auch nicht die Unterstützung der Feuerwehr. Also müssen sie ihre Heimat oder Teile ihres Territoriums verlassen. Die größten Probleme entstehen jedoch nach den Bränden. Denn durch die Zerstörung der Wälder wird den Menschen ihre Lebensgrundlage, das Jagen und Sammeln, genommen. 

ZEIT ONLINE: Die indigene Bevölkerung und Organisationen wie die Ihre sagen häufig, "Invasoren" legen diese Brände. Was meinen Sie damit?

Poppe: Für das Amazonasgebiet interessieren sich Holzfäller, Viehhirte und Farmer für Soja und Zuckerrohr. Die Eindringlinge siedeln sich teilweise ungefragt in der Region an, um zu wirtschaften. In anderen Gebieten ist vor allem der illegale Goldabbau ein großes Problem. In dem indigenen Gebiet der Yanomami, mit denen wir zusammenarbeiten, sind Schätzungen nach 10.000 illegale Goldgräber aktiv. Dort geht es teilweise zu wie im Wilden Westen. Die Goldgräber gehen da einfach rein, zünden den Wald an, holzen ihn ab, schrecken auch nicht davor zurück, mit Waffengewalt gegen Indigene vorzugehen – beispielsweise engagierte Sprecher ins Visier zu nehmen und zu töten. Es ist eine sehr riskante Gegend. Die Landräuber sind da nicht sehr zimperlich.

Zeit Online: Und niemand hilft den Indigenen?

Poppe: Es gibt in Brasilien zwar einen Schutzstatus indigener Territorien, aber wenig Personal, um diesen Schutz umzusetzen. Die Wälder sind in der Regel intakt und haben eine große Artenvielfalt. Häufig müssen die Indigenen aber selber darauf achten, dass niemand ihre Territorien zerstört. Die Ureinwohner erkennen schnell Veränderungen in ihrem Wald und gehen regelmäßig auf Patrouille. Aber selbst wenn sie melden, dass jemand in ihr Gebiet eingedrungen ist, kommt ihnen meistens niemand zur Hilfe, wie zum Beispiel die Umweltpolizei. Und das wissen die Leute, die ihnen das Land nehmen. 

Brasilien - Jaír Bolsonaro bringt das Klima in Gefahr Der brasilianische Präsident Jaír Bolsonaro geht radikal gegen den Regenwald und seine indigene Bevölkerung vor. Das hat Auswirkungen auf den Klimawandel, erklärt Dagny Lüdemann.

ZEIT ONLINE: Es gibt in Brasilien eine Behörde für den Schutz der Indigenen. Aber sie wurde von Präsident Jair Bolsonaro geschwächt.

Poppe: Ja, FUNAI, wie die Indigene Schutzbehörde in Brasilien heißt, hat einerseits die Aufgabe, die schon anerkannten Gebiete zu schützen, soll aber auch neue indigene Gebiete vermessen und rechtlich anerkennen. Diese Kompetenzen versucht Bolsonaro ihnen wegzunehmen. Er will Aufgaben der Behörde in das Landwirtschaftsministerium verschieben, welches natürlich kein Interesse daran hat, indigene Territorien zu schützen. Er hat die Leitung von FUNAI während seiner Amtszeit schon zweimal ausgetauscht und das Budget gekürzt. Weitere Zuständigkeiten versucht Bolsonaro in andere Behörden auszulagern, die der Meinung sind, dass indigene Gebiete ein Entwicklungshindernis für die Wirtschaft seien. FUNAI war eigentlich dafür da, die indigenen Rechte, die in der brasilianischen Verfassung festgeschrieben sind, umzusetzen. Aber dieser Aufgabe kann die Behörde im Moment nicht nachkommen. 

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Indigenen damit? 

Poppe: Seitdem Bolsonaro im Oktober letzten Jahres zum Präsidenten gewählt wurde, berichten sie von einer Zunahme der Übergriffe. Es gibt gewaltsame Übergriffe auf Personen, Landnahme oder auch Angriffe auf indigene Einrichtungen, wie unsere Recherchen beweisen. Zum Beispiel wurde eine Schulen angezündet. Es dringen außerdem seit der Wahl Bolsonaros immer öfter Leute in die Gebiete ein, die von der Verfassung geschützt sind. Die Indigenen müssen um ihr Leben fürchten: Menschen sterben, weil die Politik und die Rhetorik so aggressiv ist. Ende Juli wurde zum Beispiel ein Mitglied des Wayapi-Volkes ermordet. Wir gehen davon aus, dass illegale Goldgräber hinter dieser Tat stecken. 

ZEIT ONLINE: Wie können sich die Indigenen wehren?

Poppe: Das Leiden der Ureinwohner ist in Brasilien nicht unbemerkt geblieben. Es hat sich eine starke Gegenbewegung formiert, es gibt sehr viele Proteste, die organisiert werden, auch in der Hauptstadt Brasília. Die Betroffenen nutzen die sozialen Netzwerke, denn die Indigenen haben erkannt, dass sie auf höchster politischer Ebene gegen die Repressionen vorgehen müssen. Sie protestieren dort gegen die Waldbrände, teilen Videobotschaften aus ihren Gemeinden. Sie wollen zeigen, was die konkreten Folgen von Bolsonaros Politik sind. Einige indigene Gruppierungen fordern auch zum Boykott von Fleischprodukten auf, denn Viehhalter und Farmer sind treibende Kräfte dieser Entwicklung.

ZEIT ONLINE: Wie könnten Deutschland und Europa helfen? 

Poppe: Die europäischen Regierungen müssen mehr Druck auf Bolsonaro ausüben. Zum Beispiel über das Freihandelsabkommen zwischen Brasilien und der Europäischen Union. Die Rechte indigener Völker sollten dabei ein Thema sein.