Im Dezember sprachen im Wiener Burgtheater zwei große Komiker miteinander: der Deutsche Harald Schmidt und der Österreicher Michael Niavarani. Schmidt riss dabei einen unsterblichen Witz: Er verwechsele seine IBAN-Ziffern bereits mit seinem Kontostand. Der Witz ist ungemütlich. Er verspottet aus der Perspektive eines Menschen, der es geschafft hat, sowohl die Armen als auch etwas weniger die Reichen. Die adäquate Reaktion auf so einen Triumph wäre der Neid, den der Witz hervorrufen möchte. Allein das Lachen räumt die Gefühlsverengung aus dem Weg.

Ende Januar wird das Burgtheater eine Veranstaltung wiederholen, die in einem Taschenbuch dokumentiert ist: Doron Rabinovici/Florian Klenk: "Alles kann passieren!" Ein Polittheater. Der Text ist eine Montage aus Reden der Anführer des autoritären Nationalradikalismus. In einer Rede hatte Viktor Orbán gesagt: "Das Wesen der Zukunft ist Folgendes: Alles kann passieren. Und 'alles' ist ziemlich schwer zu definieren."

Sie wollen "alles", wie schwer alles auch immer zu definieren ist. Diese Textmontage lese ich als schönen Beleg für einen parteispezifischen Größenwahn. Ebenso folgende: "Bei der Wahl nächstes Jahr", verkündete Matteo Salvini im September 2018, "werden wir Europa völlig verändern und die Sozialisten von der europäischen Regierung vertreiben. Wir arbeiten mit vielen anderen Ländern und Regierungen zusammen, um die Geschichte dieses Kontinents im kommenden Mai zu verändern. Ich bin überzeugt davon, dass wir in ein paar Monaten dann gemeinsam mit Orbán Europa regieren werden."

Solches Sich-Brüsten beim gleichzeitigen Ausstoßen von Drohungen ist fürs Theater hervorragend geeignet. Im österreichischen Parlament charakterisierte ein sozialdemokratischer Abgeordneter die Politik der Koalition mit dem Vorwurf, seit dem Austrofaschismus seien die Arbeitnehmerrechte nicht mehr so beschränkt worden. "Austrofaschismus" wird die österreichische Spezialform von Diktatur während der Jahre 1933/34 bis 1938 von manchen genannt. Bundeskanzler Kurz wies das zurück: Wer über seine Regierung "Austrofaschismus" sage, spalte die Gesellschaft!

Da aber die Gesellschaft gespalten ist, wird man sich schwer darüber einigen können, wer sie spaltet. Einen Hinweis gibt es in einer komischen Rede aus dem Jahr 2016. Der heutige Innenminister Österreichs, damals Abgeordneter, klagte sein Leid, "wenn man im Parlament ... in diesen frustrierten, dauerbetroffenen linken Flügel der Roten und Grünen hineinschaut". Das Publikum auf dem rechten Kongress "Verteidiger Europas" war da schon was anderes: "Es ist ein Publikum, wie ich mir das wünsche und wie ich mir das vorstelle ..."

Doron Rabinovici/Florian Klenk: "Alles kann passieren!" Ein Polittheater. Zsolnay Verlag, München 2018; 62 S., 10,– €