DIE ZEIT: Ministerpräsidentin, Generalsekretärin, Kandidatin für den Parteivorsitz, Parteivorsitzende – war 2018 das intensivste Jahr Ihres politischen Lebens?

Annegret Kramp-Karrenbauer: Ich habe schon einige intensive Phasen erlebt, aber dieses ist bisher das intensivste Jahr meines politischen Lebens gewesen. Der Sommer-Streit mit der CSU war ein Blick in den Abgrund, der Wettbewerb um den Parteivorsitz kam einem Landtagswahlkampf gleich.

ZEIT: Haben Sie sich 2018 verändert?

Kramp-Karrenbauer: Ich hoffe schon, dass ich dieselbe geblieben bin. Ob es so ist, das werden mir mein Mann und meine Kinder zwischen den Jahren sagen. Allerdings hat sich mein Horizont erweitert. Und so lange im Krisenmodus zu arbeiten, das war schon eine neue Erfahrung, nicht zuletzt dieses Hauptstadt-Tempo der Medien.

ZEIT: Haben Sie als Frau neue Erfahrungen gemacht?

Kramp-Karrenbauer: Erst als die Debatte aufkam, ob die CDU an der Spitze eine zweite Frau in Folge erträgt. Da habe ich gespürt, dass achtzehn Jahre mit einer Frau an der Spitze für meine Partei doch noch nicht zum Normalzustand geworden sind. Was auch daran liegt, dass fünfzig Jahre Männer auf Männer folgten. Das hatte ja bis dato niemanden umgetrieben ...

ZEIT: Gibt es eine Sehnsucht nach überkommener Männlichkeit?

Kramp-Karrenbauer: Für manche, was den Stil angeht, vielleicht ja.

ZEIT: Wohl noch nie wurde so viel Macht von einer Frau an eine andere Frau übergeben. Bedeutet Ihnen diese historische Dimension etwas?

Kramp-Karrenbauer: Als ich mitten im innerparteilichen Wahlkampf steckte, habe ich daran nicht gedacht. Erst jetzt im Nachhinein wird es mir in der gesamten Bedeutung richtig bewusst.

ZEIT: Haben Sie Paul Ziemiak zum Generalsekretär vorgeschlagen, weil er ein Mann ist oder weil er aus Polen stammt, also Migrant ist?

Kramp-Karrenbauer: Weder noch, sondern weil er mit 33 Jahren für eine neue Generation steht, auch für eine andere Art zu kommunizieren. Es hat aber eine Weile gedauert, ihn zu überzeugen.

ZEIT: Wann genau haben Sie ihn denn überzeugen können?

Kramp-Karrenbauer: Am Abend des 7. Dezember, also nach meiner Wahl zur Parteivorsitzenden.

ZEIT: Sie wollen sagen, die Nominierung von Paul Ziemiak war eine Folge Ihrer Wahl und nicht Ihre Wahl eine Folge seiner Nominierung, wie einige behaupten. Es gab keine stille Absprache, die Ihnen die entscheidenden Stimmen gebracht hätte?

Kramp-Karrenbauer: Nein, wir haben zwar früher schon gesprochen, aber da hatte er mir abgesagt, weil er zwischen Friedrich Merz und Jens Spahn gestanden hat. Es werden da jetzt einige Legenden in die Welt gesetzt, aber ich kann Ihnen nur sagen: Eine Absprache gab es nicht.