Die Wilkes haben sich richtig was vorgenommen. Ausgerechnet in ein altes Bergarbeiterhäuschen hat sich die junge Familie verguckt. Vater Sascha (46), der eine kleine Stickereifirma betreibt, Mutter Manuela (41), die bei einer Krankenkasse arbeitet, der achtjährige Sohn und seine vier Jahre ältere Schwester klettern die knarrende Holztreppe ins Dachgeschoss hoch. Im April wollen die Wilkes einziehen. Noch sieht es allerdings ziemlich wüst aus. Das Dach ist bis auf Sparren und Dachziegel freigelegt, der Putz an den Wänden abgeschlagen, durch die beiden kleinen Fenster zur Straße zieht es gewaltig.

Energiesparen war für die früheren Bewohner der Doppelhaushälfte in der Bottroper Hans-Böckler-Straße offensichtlich kein Thema, weder das Dach noch die Wände oder die Fußböden waren isoliert, die Fenster sind einfach verglast, geheizt wurde mit Kohle. Im Keller des Hauses haben die Wilkes noch einige Zentner des "schwarzen Goldes" gefunden, wie es früher einmal hier im Ruhrgebiet hieß. Die Vorbesitzer haben ihr letztes Deputat, das Zechenmitarbeiter traditionell als Zugabe zu Lohn oder Rente bekommen, nicht aufgebraucht.

"Außen soll alles so bleiben, wie es ist", sagt Sascha Wilke. Ihr Traumhaus ist das einzige in einer ganzen Reihe von niedrigen Doppelhäusern, dessen Fassade noch so aussieht, wie sie im Jahr 1906 gemauert wurde: aus roten Ziegelsteinen mit Rundbögen über den Fenstern.

Doch in Sachen Energie ticken die Wilkes völlig anders als die Vorbesitzer. Sie wollen bei der Sanierung mit überschaubarem Aufwand möglichst viel Energie und damit CO₂ einsparen. Statt teurer Außendämmung, die dem Zechenhäuschen den historischen Charme rauben würde, sollen mehrfach verglaste Fenster, eine Dachdämmung und eine Holzpellet-Heizung die Energiekosten drücken.

Es ist ein kleiner Beitrag zu einem großen Ziel, das sich Bottrop gesetzt hat: Im Jahr 2010 hat sich die Stadt verpflichtet, innerhalb von zehn Jahren den Ausstoß von CO₂ um 50 Prozent zu drücken. "Wir sind gut dabei", sagt Oberbürgermeister Bernd Tischler, 37,4 Prozent Einsparung seien bereits gesichert, "und den Rest holen wir auch noch rein". Was die Frage aufwirft: Wie und warum schafft ausgerechnet eine ehemalige Zechenstadt im Ruhrgebiet die Klimawende, die bundesweit nicht vorankommt? Und was kann der Rest der Republik von Bottrop lernen?

Bernd Tischler, 59, Sozialdemokrat und seit 2009 Oberbürgermeister in Bottrop, erzählt gerne, wie seine Stadt zum Vorreiter beim Energiesparen wurde. Im Jahr 2010 schrieb der Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss von 70 Unternehmen der Region – darunter die Ruhrkohle AG, Thyssenkrupp, Bayer, E.on, Beratungsfirmen, Wohnungsbaugesellschaften und Banken –, einen Wettbewerb aus. Gesucht wurde eine "Vorzeigestadt" für den klimagerechten Stadtumbau, der wissenschaftlich begleitet und großzügig gefördert werden sollte. Bottrop setzte sich gegen 53 Konkurrenten durch. Für die Stadt war es eine Chance. Das Ende des Steinkohle-Bergbaus sei spätestens 2007 absehbar gewesen, sagt der Oberbürgermeister. Damals fiel in Berlin der Beschluss, im Jahr 2018 die letzte deutsche Zeche stillzulegen. "Wir brauchten Alternativen", sagt Tischer, "und von Energie verstehen wir was."

Um das Ergebnis des Großversuchs nicht zu verfälschen, klammerte man bei der Berechnung der CO₂-Emissionen die Zechen und die energieintensive Kokerei in der Stadt aus. Außen vor blieb auch der Verkehr. Tischler macht auf einer großen Wandkarte deutlich, warum: Das "Projektgebiet" wird von zwei Autobahnen und zwei viel befahrenen Bundesstraßen umrahmt. "Den Durchgangsverkehr dort können wir nicht beeinflussen", sagt er. Übrig blieben 12.500 Wohngebäude sowie 2.500 Gewerbe- und Industriebauten. Damit dort was vorangeht, gründeten die Stadt und der Initiativkreis gemeinsam die InnovationCity Management GmbH (ICM). "Wir betreiben hier die Energiewende von unten", sagt deren Geschäftsführer Burkhard Drescher, der als ehemaliger Oberbürgermeister von Oberhausen und Chef einer großen Wohnungsbaugesellschaft viel Erfahrung einbringen konnte. "Von unten" bedeute, von Anfang an alle einzubeziehen: Energieversorger, Wohnungsbaugesellschaften, Industriebetriebe, Gewerbetreibende und die Bürger. Gut 269.000 Tonnen CO₂ emittierte das "Projektgebiet" im Ausgangsjahr, berichtet Drescher. Ende 2020 werden es laut Zwischenbericht des Wuppertal Instituts aus dem Jahr 2015 mindestens 100.000 Tonnen weniger sein.