Kikí Tenharim sitzt vor seinem Holzhaus im südwestlichen Amazonasgebiet. Der 61-jährige Vizehäuptling kann von seiner Veranda aus die Straße sehen. Das ist die lehmige Durchfahrtsroute Transamazônica, die 4000 Kilometer weit von West nach Ost durch den Amazonaswald führt. 20, 30 Holzlaster rumpeln hier jeden Tag vorbei – und Kikí glaubt, dass viele von ihnen mit Baumstämmen beladen sind, die aus dem Schutzgebiet für Indianer stammen. Rings um das Reservat sind Siedlungen von Goldgräbern und Holzfällern entstanden, komplett mit Bars, Geschäften und Lastwagenwerkstätten.

"Im Wahlkampf vor einigen Wochen fuhren die Holzfäller gleich mehrfach hier entlang", erzählt Kikí, "sie schwenkten Fahnen mit Wahlsprüchen für den Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro. Aber wir haben sie vor unseren Dörfern nicht mal anhalten lassen."

Doch Jair Bolsonaro, 63, Armeehauptmann der Reserve und lange der Rechtsaußen-Populist im brasilianischen Parlament, hat die Wahl auch ohne das Volk der Tenharim gewonnen. Er tritt im Januar als neuer Präsident an – auch deswegen, weil er sich eindeutig auf die Seite der Holzfäller, Goldgräber und Agrarunternehmer gestellt hat. So etwas ist wichtig in Brasilien, wenn man Wahlen gewinnen will. Große Teile des Landes werden von Agrarfürsten beherrscht, die Wirtschaft des Landes lebt wesentlich vom Export von Rohstoffen wie Soja, auf brasilianischem Boden steht die größte Rinderherde der Welt. Die Agrarlobby stellt die meisten Abgeordneten im Parlament.

Unter dem Beifall dieser Agrarlobby erklärte Bolsonaro im Wahlkampf zum Beispiel, dass er als Präsident "keinen Zentimeter" zusätzliches Land für Indianergebiete mehr zulassen wolle. In den vergangenen Tagen kündigte er an, die Indianerschutzbehörde des Landes aus der Zuständigkeit des einflussreichen Justizministeriums zu nehmen und sie dem Ministerium für Frauen, Familien und Menschenrechte zuzuordnen – in Brasilien ein eher marginales Ressort. Diese Entscheidung galt noch als positive Überraschung, denn zwischenzeitlich wurde im Bolsonaro-Team überlegt, den Indianerschutz gleich dem Agrarministerium zu unterstellen.

Der Schutz indigener Völker und die Bewahrung des Amazonaswaldes sind untrennbar miteinander verknüpft: Etwa 13 Prozent der Fläche Brasiliens sind heute als Indianerschutzgebiete ausgewiesen, großteils am Amazonas, und auf diesen Flächen ist die Natur noch weitgehend unberührt. Nur zwei Prozent der Abholzung finden bisher – illegal – in solchen Reservaten statt. Es sieht dort so aus wie bei den Tenharim. Das Gebiet des Volkes ist so groß wie Schleswig-Holstein, ein Waldstück voller alter tropischer Bäume, Sümpfe und Graslandschaften, durchzogen von Flüssen. Die Tenharim zählen aber nur gut 900 Köpfe, wie sollten sie sich verteidigen? Nach wenigen Stunden Fahrt erreicht man den Rand ihres Reservats, und dort sind Sojafelder angelegt, die bis zum Horizont reichen, und gigantische Weiden.

Weil es auf ihren Gebieten noch so viele Bäume zu holen und Agrarflächen anzulegen gibt, werden indigene Völker Brasiliens zu den letzten Verteidigern des Amazonaswaldes. Das bedeutet für sie: Lebensgefahr. Brasilien gilt als das tödlichste Land für die Verteidiger von Landrechten und Umweltinteressen: Die NGO Global Witness zählte seit 2015 mehr als 140 Morde, aber nur ein Teil der Gewalt in den Wäldern wird überhaupt registriert. Auch das Volk der Tenharim beklagt neue Opfer: Anfang Oktober wurde ein Angehöriger bei einem Konflikt um die Natur erschossen, und ein anderer wurde mit einer Schusswunde in ein Krankenhaus gebracht. Menschenrechtsorganisationen und das Missionswerk der katholischen Kirche (CIMI) berichten davon, dass die Gewalt gegen indigene Waldverteidiger in den vergangenen Wochen eskaliert sei. Manche erklären sich das mit dem neuen politischen Wind, der in Brasilien weht.

Der designierte Präsident Bolsonaro spricht sich ganz offen gegen den Umwelt- und Klimaschutz aus und gegen den Schutz der Indianerreservate. Er ist noch nicht mal im Amt, aber die bevorstehende Klimaschutzkonferenz 2019, zu der Brasilien eingeladen hatte, wurde bereits abgesagt. Bolsonaro brüstet sich damit, dass es seinetwegen war. Im Wahlkampf erklärte er, dass Klimaschutz "keine Priorität" für ihn habe, und die Baumschutz- und Umweltbehörden verspottete er als "Strafzettel-Industrie". Selbst der künftige Umweltminister Ricardo Salles erklärte in einem Interview schon, dass Brasilien an zu vielen Umweltstrafen leide, die einen "ideologischen Charakter" hätten. Die Klimafrage ist für den Mann ein "sekundäres Problem".

Gleichgültigkeit in der Klimafrage, Abholzung am Amazonas und die Missachtung der Rechte eingeborener Völker: Ganz neu ist das in Brasilien nicht. Die Durchfahrtstraße, die der Vizehäuptling Kikí von seiner Veranda aus sehen kann, wurde zu Beginn der Siebzigerjahre unter der damaligen Militärdiktatur angelegt. Sie war eines von mehreren Großprojekten der Generäle, um den Wald zu erschließen. Damals wurden auch massenhafte Umsiedlungen von Süd nach Nord staatlich gefördert.