DIE ZEIT: Herr Strack, wie spioniert China die deutsche Industrie aus?

Friedolin Strack: Ich unterscheide drei Arten. Zum einen gibt es die relativ konventionellen Instrumente der Industriespionage: Man bewegt Ingenieure über Zahlungen dazu, Daten zu übermitteln. Oder man schleust Mitarbeiter oder Praktikanten in die Firma ein. Zum Zweiten sind da die Cyberattacken, bei denen der Angreifer in die Computersysteme einer Firma eindringt. Und dann gibt es eine dritte, völlig legale Form des erzwungenen Technologietransfers. Wer als Unternehmen in China tätig werden will, muss dazu oft ein Joint Venture mit einem lokalen Unternehmen eingehen. Ich weiß von Firmen aus der IT-Branche oder dem Bankensektor, dass sie sogar ihren Quellcode offenlegen müssen. Man kann sagen, die machen es ja freiwillig. Aus juristischer Sicht ist das auch so. De facto aber haben die Unternehmen keine Wahl. Der chinesische Markt ist zu groß und lukrativ.

ZEIT: Welche dieser drei Arten ist für die deutsche Wirtschaft am gefährlichsten?

Strack: Aktuell würde ich sagen: der legale Technologietransfer über erzwungene Kooperationen. Seit rund 40 Jahren betreibt China ein aus Sicht des Landes sehr erfolgreiches System. Mit Blick in die Zukunft halte ich Cyberattacken für die größte Gefahr. Je mehr wir bei der Digitalisierung mit chinesischen Anbietern zusammenarbeiten, desto größer wird sie. Es gibt ein Gesetz in China, das alle Firmen zwingt, China-bezogene Daten in China zu speichern und diese auf Verlangen der Regierung offenzulegen. Alle. Also auch technologische. Wenn die Regierung sagt, wir haben ein nationales Sicherheitsproblem und wollen mal in eure Daten schauen, müssen die Unternehmen liefern. Zugleich gewinnen zum Beispiel die chinesischen Mobilfunkunternehmen weltweit an Bedeutung. Bei der Umstellung auf 5G, den neuen, schnellen Standard, sind sie vorn mit dabei. Das ist ein gehöriges Sicherheitsrisiko.

ZEIT: Derzeit entzündet sich die Diskussion vor allem am chinesischen Konzern Huawei, dem weltweit zweitgrößten Hersteller von Smartphones, der auch Steuerungstechnik für Daten- und Telefonnetze anbietet. In den USA ist Huawei wegen Sicherheitsbedenken schon seit Längerem von Behördenaufträgen ausgeschlossen. In Deutschland nicht. Ist das ein Fehler?

Strack: Es wäre Quatsch, Unternehmen wie Huawei grundsätzlich von europäischen Aufträgen auszuschließen. Aber im besonders sensiblen Bereich der neuen Mobilfunk-Infrastruktur muss man sich schon fragen, welchen Partnern man vertrauen kann. Die USA, aber auch Großbritannien, Japan und Australien schließen deshalb chinesische Anbieter bei der technologischen Ausstattung von 5G-Netzen aus. Das aber hat seinen Preis. Ohne die Beteiligung chinesischer Firmen wird der 5G-Ausbau dort rund 40 Prozent teurer.

ZEIT: Also: Was tun?

Strack: Derzeit nutzt die chinesische Regierung systematisch alle Mittel, um die eigene Wirtschaft technologisch voranzubringen. Stellen Sie sich vor, die deutsche Regierung würde eine hiesige Technologiefirma anweisen, bestimmte Daten im Ausland abzuschöpfen. Die würde dem widerstehen, schon aus Angst um ihre Glaubwürdigkeit und ihre Kunden. Die chinesischen Unternehmen aber haben im Zweifel keine Wahl. Von daher wäre ich in dieser Frage lieber vorsichtig als vertrauensvoll. Konkret gibt es zwei Möglichkeiten, sichere Telekommunikationsnetze in Deutschland zu gewährleisten: zum einen über die Gestaltung der Ausschreibungen für die Vergabe der 5G-Frequenzen. Oder man passt ganz einfach das Telekommunikationsgesetz an und verpflichtet die Betreiber auf Technologien, die Datensicherheit gewährleisten. So hat das beispielsweise Australien gelöst.

ZEIT: Sie sagen, dass China alle Mittel nutzt, um die eigene Wirtschaft technologisch voranzubringen. Dann wäre es doch schon fast verwunderlich, wenn die Regierung Konzerne wie Huawei nicht dafür instrumentalisieren würde.

Strack: Ja. Das sehe ich so.

ZEIT: Der Augsburger Robotikhersteller Kuka wurde 2016 von Midea übernommen, einem chinesischen Konzern. Besteht die Gefahr, dass China sich auch auf diese Weise deutscher Technologie bemächtigt?

Strack: Ja, aber das sehe ich nicht so dramatisch. Wenn ein chinesisches Unternehmen Kuka kauft, dann muss anschließend auch der Technologiefluss zwischen Augsburg und China gewährleistet sein. Das geht ja gar nicht anders in einer vernetzten Weltwirtschaft.

ZEIT: Man hätte den Chinesen den Kauf von Kuka verbieten können.

Strack: Das wäre ein massiver Eingriff in die Rechte der Aktionäre von Kuka gewesen. Es ist aber sowieso schwer, ein Unternehmen zu kaufen und die Technologie auf diese Weise ins eigene Land zu transferieren. Der größte Teil des Know-hows sitzt ja nicht in den Rechnern, sondern in den Köpfen der Ingenieure. Und die kann man nicht einfach so mal eben verpflanzen. Eine Technologie ist immer an ihrem Standort verwurzelt.

ZEIT: Inzwischen ist China selbst bei vielen Technologien führend. Würde es sich für Deutschland nicht auch lohnen, dort zu spionieren?

Strack: China ist in vielen Bereichen zumindest ebenbürtig, das stimmt. Bei der künstlichen Intelligenz etwa, in der Biomedizin oder bei Elektromobilität und autonomem Fahren. Trotzdem würde ich Deutschland davon abraten, es den Chinesen nachzutun und dort Industriespionage zu betreiben. Das würde ja bedeuten, dass wir erst mal wie China eine staatliche Industriestrategie aufsetzen müssten, die definiert, was Zukunftstechnologien überhaupt sind. Ich glaube nicht, dass das in einer westlich geprägten Marktwirtschaft gut funktionieren würde. In einigen Bereichen würde das Klauen von Technologie auch gar nicht viel bringen. Bei der künstlichen Intelligenz hindert uns eher der starke Datenschutz daran, neue Techniken großflächig auszuprobieren. Das sind Probleme, die können wir nur zu Hause lösen.