Dieser Text ist die aktualisierte Version eines Beitrags, der am 21. Dezember auf ZEIT ONLINE erschien.

Seit gut einer Woche bebt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und mit ihm der deutsche Journalismus. Je mehr man sich in die traurigen Details dieses Falles vertieft, desto größer werden die Fragen, die sich stellen. Ein junger Reporter, der Shootingstar einer ganzen Branche, einer, der in das Räderwerk der Geschichte einzugreifen versuchte, hat sich als Fälscher erwiesen. Claas Relotius, so heißt der Reporter, ist aufgeflogen, weil er in seinen Reportagen Dialoge manipuliert, Protagonisten erfunden und scheinbare Fakten fabriziert hat. Selbst der Verdacht, Spendengelder von Lesern veruntreut zu haben, steht im Raum, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Spiegel bezeichnet den Fall als "Tiefpunkt" in seiner 70-jährigen Geschichte. Das ist nicht übertrieben. Der deutsche Journalismus durchläuft in diesen Tagen eine Wahrhaftigkeitskrise, wie es sie seit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im stern 1983 nicht mehr gegeben hat. Der Fall wird auch in der ZEIT intensiv diskutiert; keine Redaktion kann ausschließen, auf einen Schwindler wie Relotius hereinzufallen, der offenbar mit hoher krimineller Energie gehandelt hat. Das gilt auch für die ZEIT.

Für den Spiegel, der mit dem Slogan wirbt, "keine Angst vor der Wahrheit" zu haben, ist dies ein Fiasko. Es stellt die Werte infrage, die das Blatt verkörpert: harte Recherche, gute Schreibe, Fakten, die im besten Fall so unverrückbar wie ein Felsblock sind. Was für eine Ironie: Angst muss der Spiegel nicht vor der Wahrheit haben, sondern vor der Unwahrheit, die im eigenen Haus geboren wurde.

Zugleich berührt die Affäre aber auch den Journalismus an sich, der in Zeiten von Fake-News ohnehin im Blitzlichtgewitter steht. In jeder Branche passieren Fehler. Aber der Journalismus ist keine Branche wie jede andere. Ihm kommt eine Wächterfunktion zu und damit eine besondere Verantwortung. Journalisten haben in einer Demokratie die Funktion der Kontrolle der Mächtigen inne. Wer andere kritisiert, der steht selbst unter Beobachtung, und daran ist nichts Falsches. Wie glaubhaft kann man andere kritisieren, wenn man selbst nicht der Wahrheit verpflichtet ist? Das ist die eine, große Frage, die zuvorderst, aber nicht nur den Spiegel betrifft.

Relotius, 33, schrieb seit 2014 für das Magazin, seit 2017 war er dort fest angestellt. Er hat zunächst als freier Journalist gearbeitet, zwischen 2010 und 2012 hat er auch sechs Artikel für ZEIT ONLINE und das Magazin ZEIT Wissen geschrieben. Wie alle betroffenen Redaktionen überprüft die ZEIT, ob diese Texte mit Makeln behaftet sind, wenngleich Relotius behauptet, hier sei "alles korrekt" verlaufen. Als ihn der Spiegel vor gut einer Woche mit seinen Lügen konfrontierte, behauptete er, schon seit Langem manipuliert zu haben. Er sagte zudem: "Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen."

In der Redaktion des Spiegels galt Relotius als Sensation, er war als stellvertretender Leiter des Reportageressorts "Gesellschaft" im Gespräch. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn ein routinierter Fälscher künftig die Reportage im Spiegel verantwortet hätte. Relotius wurde mit Preisen überhäuft, darunter vier Mal mit dem Deutschen Reporterpreis, zuletzt Anfang Dezember, zwei Wochen vor seinem Auffliegen.

Zweifel an seinen allzu glänzenden Werken kursierten schon länger. Einer seiner Mitschüler an der Hamburg Media School, Matthias Nedoklan, erinnert sich, schon in der Ausbildung seien ihnen "Claas’ Reportagen und vor allem die Zitate etwas zu 'gut'" vorgekommen.

Als Relotius 2015 Gottes Diener für den Reporterpreis einreichte, ein Porträt über den angeblich letzten Arzt, der in Mississippi noch Abtreibungen vornimmt, gab es intensive Diskussionen in der Vorjury. Die Vorjuroren der Kategorie "Reportage" hatten gegoogelt und ein schlechtes Gefühl, weil ein paar Monate zuvor ein ganz ähnlicher, preisgekrönter Artikel im US-Magazin Esquire erschienen war. Sie äußerten Bedenken und nominierten den Text nicht. Den Preis gewann er trotzdem, in einer anderen Kategorie. Relotius hatte den Text, was nicht erlaubt ist, zwei Mal eingereicht.

Offene Widersprüche taten sich im Frühjahr 2017 auf. Relotius hatte eine Reportage über zwei angebliche Brüder aus dem Nordirak geschrieben, die vom "Islamischen Staat" zu Selbstmordattentätern ausgebildet worden seien. Einer der beiden, ein Junge namens Khalid, habe sich 2016 in Kirkuk in die Luft gesprengt. Sein Bruder Nadim habe das Attentat in letzter Sekunde abgebrochen. So erzählt es Relotius in dem Artikel Löwenjungen, erschienen im Spiegel am 18. Februar 2017.

Als ein Reporter von Spiegel TV die Geschichte einige Wochen später verfilmen wollte, stieß er im Nordirak auf massive Widersprüche: Manche Ortsbeschreibungen und manche Namen sollen nicht gepasst haben. Nadim und Khalid gibt es zwar, sie sind aber offenbar keine Brüder. In dem Film, den Spiegel TV zweieinhalb Monate nach Relotius’ Reportage ausstrahlte, wird Nadim interviewt. Khalid wird als "ein weiterer Kindersoldat" vorgestellt.