Es ist eine kleine Wohnung inmitten imposanter Stadtvillen in München-Bogenhausen. Sie wohnt im Erdgeschoss, des Gartens wegen. An den Wänden hängen Mitbringsel aus Marrakesch, im Wohnzimmer fläzt sich ein Ledersofa von einem Möbeldesigner, den Kenner kennen. In der Mitte steht ein Tisch, den sie selbst entworfen und gefertigt hat, aus Alabaster und Mosaik, ein ungewöhnlich unaufdringliches Schmuckstück. Das klassisch Schöne, sagt sie, möge sie nicht so sehr.

Sie hat zu Abend gegessen mit Andy Warhol, mit Catherine Deneuve, Karl Lagerfeld und Isabella Rossellini, sie war tanzen mit Mick Jagger. "Aber ist das wirklich interessant?", fragt sie.

Dagmar Murkudis, 66, hat Möbel designt und Kleider, sie hat sich als Visagistin einen Namen gemacht und als Stylistin, über 30 Jahre lang arbeitete sie für Modezeitschriften, Cosmopolitan, Marie Claire, Freundin, Harper’s Bazar. Sie buchte Models, Make-up-Artists und Fotografen, flog nach Paris, Mailand, um die halbe Welt. Sie brachte die Schönheitsideale der Achtziger, der Neunziger und des neuen Jahrtausends in deutsche Mädchenzimmer. Wer ist die Frau, die andere glänzen ließ? Und was ist das überhaupt: Schönheit?

Wer berühmt ist, gilt als schön. Sie aber suchte Menschen mit Ausstrahlung

Ach, das könne man so doch gar nicht sagen, sagt sie, und geht, als sie von Schönheit spricht, das Magazin, das vor ihr auf dem Tisch liegt, von vorn durch. Da, sagt sie und zeigt auf eine Werbeanzeige, in der die Schauspielerin Keira Knightley für Chanel wirbt. Da werde Schönheit über Ruhm definiert. Wer berühmt ist, ist schön. "Warum sonst suchen die Leute bei Instagram und YouTube nach Aufmerksamkeit?" Sie aber suche etwas anderes, etwas, das man entweder habe oder eben nicht, und dieses Etwas sei Ausstrahlung.

Sie steht auf und holt aus dem Nebenraum eine Broschüre, in der auf der Innenseite eine weitere Anzeige steht, diesmal von einer Schmuckmarke. Zwei junge Frauen, eine schwarz und eine weiß, eine mit kurzen, eine mit langen Haaren, beide obenrum nackt, schmiegen sich darauf aneinander. Die eine Frau trägt grüne Ohrringe. "Das", sagt Dagmar Murkudis, "war einer meiner letzten Jobs." Diese beiden Mädchen seien kaum geschminkt, sie entsprächen nicht dem klassischen Schönheitsideal. Doch sie hätten eben Ausstrahlung. Danach suche sie.

Sie selbst ist lang und zierlich und falls geschminkt, dann sieht man’s nicht. Die blonden Haare, Dreadlocks, hat sie über dem Kopf zusammengesteckt. Aus dem rechten Ärmel windet sich eine Lilie, das Tattoo hat sie sich vor ein paar Jahren stechen lassen.

Ausstrahlung also.

Aber klar, sagt sie, Ausstrahlung habe auch etwas mit Schönheit zu tun und Schönheit mit Liebe und Liebe mit Lebensfreude. Deshalb sei es auf ihren Mode-Shootings fast immer harmonisch, lustig, spielerisch zugegangen. Anders, glaubt sie, entstünden keine guten Fotos. Sie erzählt von ihrer Kindheit in den Bergen, vom Dorf in Tirol. Die Eltern, Betreiber einer Pension, wollten, dass aus ihr was wird, und schickten sie nach Garmisch aufs Internat. Eine Nonnenschule. Ihr Zimmer war karg, die Einsamkeit noch schlimmer. Sie haute ab, wurde zurückgebracht, haute wieder ab, wurde zurückgebracht. Als es genug war, brachten sie ihre Eltern nach Castrop-Rauxel zu den Großeltern.

"Eigentlich hat mich das ganze Kunstzeugs überhaupt nicht interessiert."
Dagmar Murkudis, Stylistin

Nach der Schule studierte sie Kunst, erst in Dortmund, dann in Düsseldorf an der Akademie. Joseph Beuys war ihr Lehrer, die Künstlerin Rosemarie Trockel eine Kommilitonin. "Der Beuys", sagt Dagmar Murkudis, "war ein Spinner. Ich mochte ihn. Er hat mir viel mitgegeben. Aber eigentlich hat mich das ganze Kunstzeugs überhaupt nicht interessiert."