Klar, als im Oktober 1929 die New Yorker Börse zusammenbrach und Deutschland in den Strudel der verheerenden Weltwirtschaftskrise geriet, da lag es nahe, dass von Hyperinflation, Fabrikschließungen, Arbeitslosenheeren und Regierungschaos vor allem politische Extremisten, allen voran die Nazis, profitierten. Den Menschen ging es schlecht, also lehnten sie das System, in dem sie lebten, ab.

Aber im Jahr 2018? Die Bundesrepublik prosperiert, das Bruttoinlandsprodukt steigt Jahr für Jahr, die Arbeitslosigkeit ist auf einem historischen Tiefststand. Trotzdem konnte die rechte AfD mit zum Teil zweistelligen Ergebnissen in die 16 Landtage und in den Bundestag einziehen. Auch den Bürgern der Vereinigten Staaten geht es vergleichsweise gut, gleichwohl wählten sie 2016 Donald Trump zu ihrem Präsidenten. Was ist nur los in den Wohlstandsstaaten?

Eine exakte Untersuchung darüber gibt es nicht, aber es existieren eine Handvoll Umfragen, mit deren Hilfe sich mögliche Antworten formulieren lassen. Die umfangreichste stammt von dem renommierten amerikanischen Meinungsforschungsinstitut Pew. 2017 befragten dessen Experten Bürger aus 38 Nationen zum Thema Demokratie. Sie zogen einen auf den ersten Blick beruhigenden Schluss: 78 Prozent waren für eine repräsentative Demokratie, nur 28 Prozent wollten eine autoritäre Regierung, zum Beispiel einen strammen Staatsführer oder eine Militärjunta.

Der zweite, genauere Blick auf die Untersuchungsresultate fällt allerdings schon ein bisschen weniger hoffnungsvoll aus. Denn lediglich 46 Prozent der Befragten waren zufrieden mit der Demokratie in ihrem Land, 52 Prozent waren unzufrieden.

Für Europa bilanzierten die Meinungsforscher von Pew: Immerhin rund sieben von zehn Deutschen, Schweden oder Niederländern fanden ihre Demokratie in Ordnung, zwei Drittel der Italiener, Spanier und Griechen aber nicht.

Das ernüchternde Ergebnis folgt einer alten Erkenntnis: Je besser es den Menschen geht, desto stärker stehen sie hinter dem demokratischen Regierungssystem. Jene, die in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben, neigen weit weniger zu politischen Extremen. Nach dieser Logik dürften die AfD, Donald Trump oder die Schwedendemokraten eigentlich nicht derart erfolgreich sein.

Dass sich rechtspopulistische Parteien auch in wirtschaftlich guten Zeiten ausbreiten, liegt unter anderem daran, dass selbst in Wohlstandsstaaten mit einem ausgeklügelten Sozialsystem längst nicht alle Bürger vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Die Kluft zwischen jenen, die gut oder zumindest ausreichend Geld verdienen, und jenen, die kaum noch über die Runden kommen, wird immer größer.

Hinzu kommt: Gerade in reichen Staaten, so ermittelte man bei Pew, neigen die Abgehängten, Verlierer und Unzufriedenen besonders dazu, ihr Wahlkreuz bei Parteien zu machen, die das demokratische System kritisieren. Spätestens seit Seymour Martin Lipsets inzwischen mehr als einem Jahrhundert alten Studie über die Arbeiterschaft und deren Hang zum Autoritarismus macht man sich immer wieder von Neuem Gedanken über den Zusammenhang zwischen Klasse, Einkommen und der Einstellung zur Demokratie.

Heute weiß man, dass nicht nur wirtschaftliche Not die Demokratieverdrossenheit fördert, sondern auch der demografische, soziale und kulturelle Wandel, das Versagen des Regierungssystems, die Schere zwischen Stadt und Land, zwischen Gebildeten und Ungebildeten. Der allgemeine Wohlstand bleibt ein wichtiger Faktor, aber er ist nicht allein ausschlaggebend. Die Wähler von Donald Trump etwa verdienten im Jahr sogar durchschnittlich 10.000 Dollar mehr als die Wähler der Demokratin Hillary Clinton.

Obwohl 65 Prozent der Deutschen mit ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Lage zufrieden sind, glauben nur 37 Prozent der Bundesbürger, dass es ihren Kindern eines Tages besser gehen wird als ihnen selbst. In Frankreich sind es sogar nur 15, in Großbritannien 23, in den USA 33 Prozent. Was das für die Zukunft der Demokratie bedeutet, ist ungewiss.

2016 warnten die Meinungsforscher Stefan Foa und Yascha Mounk in einer aufsehenerregenden Studie vor der wachsenden Frustration junger Menschen vor allem in Bezug auf die repräsentative Demokratie. Ein Jahr später jedoch fand Pew in seinen Umfragen dafür keinen schlagenden Beweis. Allerdings stellte das Washingtoner Institut fest, dass sich die jüngeren, aufstrebenden Staatsbürger weit mehr als die älteren für die direkte Demokratie und eine Regierung der Technokraten begeisterten. Das sei aber eher Ausdruck des ewigen Generationskonflikts, analysiert das Pew-Institut. Eine wachsende Demokratieverdrossenheit lasse sich aus diesen Ergebnissen nicht schließen.