Das Bergische Land ist mit seinen grünen Wäldern, weiten Wiesen und abgelegenen Tälern bekannt für seine idyllische Landschaft. Natürlich gibt es auch Industrie, aber für explosives Wachstum ist die Region nicht bekannt. Das hat auch damit zu tun, dass es zu wenige Fachkräfte gibt.

Die Kleinstadt Hückeswagen liegt mitten im Bergischen Land. Sie hat etwa 15.000 Einwohner und wirkt nicht weniger beschaulich als ihre Umgebung. Aber ausgerechnet hier, in den Gebäuden eines früheren Krankenhauses, liegt für die Mittelständler der Region seit acht Jahren so etwas wie ihr Heiliger Gral. Im Berufskolleg Hückeswagen lehren Dieter Schruff und seine Kollegen den Nachwuchs, begleiten ihn neben der Ausbildung in einem der heimischen Betriebe auf Wunsch bis zum Abitur. Und sie versuchen, die Fachkräfte von morgen auf diese Weise auch später am heimischen Wirtschaftsstandort zu halten.

"Wenn die Leute erst einmal in Köln sind, kehren sie kaum ins Bergische zurück", sagt Schruff, der die "Privatschule Bergischer Unternehmen" 2010 mitgegründet hat und heute als pädagogischer Beirat tätig ist. Das Berufskolleg Hückeswagen ist als gemeinnützige GmbH organisiert und wird von einigen bergischen Unternehmen mitgetragen. Sie bilden die Schüler zu Industriekaufleuten oder Industriemechanikern aus, am Berufskolleg wird gelernt.

So weit nichts Neues. Doch in Hückeswagen können sich Schüler mit Fachoberschulreife entscheiden, ob sie das Berufskolleg "nur" als Berufsschule besuchen oder ob sie parallel zur Ausbildung auch ihr Fachabitur machen wollen. Auf Wunsch werden die Schüler nach ihrer Ausbildung in einem letzten, finalen Jahr sogar aufs Abitur vorbereitet. 110 Schüler lernen derzeit hier, etwa ein Drittel geht erfahrungsgemäß den Weg bis zum Abitur. Drei bis vier Jahre dauert das dann.

Die Privatschule ist das einzige Kolleg in der Gegend mit gymnasialer Oberstufe. "Die Unternehmen hier haben die Lücke gesehen. Der Staat war nicht in der Lage, den Bedarf zu decken, also haben wir es selbst angepackt", sagt Hückeswagens Bürgermeister Dietmar Persian, der Mitglied im ZEIT-Wirtschaftsrat ist und seine eigene Stadt für diese Spezialausgabe ins Spiel brachte. Rund 20 Betriebe sind als Ausbildungspartner dabei, die meisten von ihnen bilden Industriekaufleute aus.

Im Maschinenbaubetrieb Recknagel lernen auch Industrie- und Zerspanungsmechaniker. Die Firma zählt 100 Mitarbeiter, 30 davon im Bergischen. Der Chef Peter Recknagel ist Mitgesellschafter des Berufskollegs und bildet gerade neun der Schüler aus. Mehr junge Leute als vor zwei Jahrzehnten strebten heute nach dem Abitur und einem Studium, sagt er. "In der öffentlichen Wahrnehmung wird immer sehr stark auf Akademiker geschaut, eine Ausbildung gilt eher als Abstieg. Und da ist was faul."

Bei der Kölner Industrie- und Handelskammer ist man froh über das Modell Hückeswagen. "Da regelmäßig Azubis aus dem Berufskolleg bei der Bestenehrung sind, können wir feststellen, dass die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Berufskolleg sehr erfolgreich funktioniert", sagt der Ausbildungsleiter Christoph Meier.

Was macht das Kolleg so erfolgreich? Alexander Geist betreut in Hückeswagen die kaufmännische Ausbildung und hat eine Antwort auf diese Frage: "So rasant, wie sich alles entwickelt, so schnell muss sich auch die Ausbildung anpassen. Ich muss eine Schule am Ort haben, die eben nicht träge ist", sagt er. Heute müsse man jungen Leuten einen Mehrwert bieten und gleichzeitig den Unternehmen zu Diensten sein.

Das kostet Geld und Mühe. 15 Mitarbeiter kümmern sich um 110 Schüler. In allen Klassenräumen gibt es digitale Whiteboards und Laptops für alle Schüler – Internet ist Alltag am Berufskolleg. Als staatlich anerkannte Ersatzschule erhält das Kolleg Landesmittel, die Unternehmen zahlen einen kleinen Teil. Zudem führen die Schüler einen Teil ihrer monatlichen Ausbildungsvergütung ab.

Zwei Tage pro Woche sind die Schüler während ihrer Ausbildung in der Schule. "Vor den Prüfungen merkt man schon, dass es viel Stoff ist", sagt die 18-jährige Industriekauffrau Alina, die sich gerade aufs Abi vorbereitet. "Aber wenn man von seinem Unternehmen und der Schule unterstützt wird, ist das okay im Vergleich mit normalen Gymnasien."

Aufs Kolleg zu gehen ist schon eine Leistungsentscheidung. Alina wollte zuerst aufs Gymnasium, entschied sich dann aber anders. Ausbildung und Abitur in vier statt nur das Abi in drei Jahren? "Die Zeit habe ich gespart", sagt sie. Ihr Mitschüler Tim fragt: "Wenn man später in der Richtung studiert, sich aber in der Praxis noch nie damit beschäftigt hat, ist das so sinnig? Wir waren schon im Arbeitsleben, hatten Einblick in eine Firma."

Alina und Tim wollen berufsbegleitend studieren. Im kaufmännischen Bereich streben viele die Uni an. Die Unternehmen sehen sich also auch im Bergischen später vornehmlich Akademikern gegenüber. Man müsse die jungen Leute schon selbst entscheiden lassen, was sie mit der Doppelqualifizierung anfangen, sagt der Unternehmer Recknagel: "Sie wissen, dass sie mehrere Optionen haben. Nicht jeder, den wir gerne möchten, entscheidet sich am Ende für uns."

Recknagel sieht den Ansatz in Hückeswagen aber als Chance. "Die Vorzeichen haben gewechselt", sagt er, "wir können und müssen uns heute als Arbeitgeber bewerben."