Kurz gesagt: Sie nimmt ab – zumindest wenn man sich die richtige Statistik anschaut. Als erwerbsarm gilt unter Experten ein Arbeitnehmer, der arm ist, obwohl er einer Arbeit nachgeht. Der Grund für Erwerbsarmut ist oft, dass die Unternehmen zu niedrige Löhne zahlen. Dann reicht das Einkommen nicht für ein einigermaßen würdevolles Leben aus.

Die entscheidende Frage ist in diesem Zusammenhang, was man unter Armut versteht.

In der Wissenschaft wird zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden. Als relativ arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, wobei das Gesamteinkommen eines Haushalts betrachtet wird. Nimmt man diesen Maßstab, dann hat sich der Anteil der erwerbsarmen Arbeitnehmer an der Gesamtzahl der Beschäftigten zwischen 2004 und 2014 verdoppelt – und zwar von 4,8 auf 9,6 Prozent. Das ermittelte eine Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts.

Das Problem an dieser Betrachtungsweise ist: Das Konzept der relativen Armut ist umstritten. Wenn beispielsweise die Einkommen steigen – wie es derzeit der Fall ist –, steigt automatisch auch die Schwelle, ab der ein Arbeitnehmer als arm angesehen wird. Die Erwerbsarmut nimmt also zu, obwohl sich die materielle Situation der Geringverdiener verbessert.

Diese Schwierigkeit lässt sich umschiffen, wenn man die absolute Armut als Kriterium für die Beurteilung der Erwerbsarmut heranzieht. Dabei betrachtet man in der Fachwelt in der Regel hierzulande jene als absolut arm, die Leistungen im Rahmen von Hartz IV beziehen.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gab es im August 1,1 Millionen sogenannte erwerbstätige Leistungsbezieher. Diese Menschen verdienen so wenig, dass der Staat ihren Lohn aufbessert. Im Jahresdurchschnitt 2011 waren es noch 1,4 Millionen. So gesehen ist die Erwerbsarmut also gesunken. Hinzu kommt, dass etwa ein Drittel der so definierten erwerbsarmen Arbeitnehmer in Teilzeit arbeitet. Diese Menschen sind also möglicherweise nicht deshalb auf staatliche Zahlungen angewiesen, weil ihr Stundenlohn zu niedrig ist – sondern weil sie nicht mehr arbeiten können oder wollen. Dagegen sind nur 136.842 Vollzeitbeschäftigte auf die Unterstützung angewiesen. Das sind weniger als ein Prozent der gesamten Vollzeitbeschäftigten in Deutschland.

Eine dritte Möglichkeit, die Frage nach der Entwicklung der Erwerbsarmut zu beantworten, besteht darin, sich anzuschauen, wie viele Menschen in Deutschland neben ihrem Hauptjob noch einen Nebenjob haben. Man könnte schließlich argumentieren: Wer noch einen zweiten Job braucht, der kann offensichtlich nicht allein von dem Geld leben, das er in seiner ersten Stelle verdient. Laut Bundesagentur für Arbeit gehen 2,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland einer weiteren Tätigkeit nach. Im Jahr 2011 waren es noch 2,1 Millionen. Hier gab es also einen Anstieg.

Das Problem aber ist: Es gibt keine Daten dazu, ob diese Menschen tatsächlich auf den Zweitjob angewiesen sind, um grundsätzlich über die Runden zu kommen. Oder ob sie sich schlicht etwas Geld dazuverdienen wollen, um mehr ausgeben zu können.

Fazit: Erwerbsarmut ist in Deutschland durchaus ein Problem, aber vor allem für bestimmte Risikogruppen. Dazu gehören zum Beispiel Alleinerziehende, die ihre Stundenzahl im Job nicht erhöhen können, weil ihnen die Betreuungsangebote für ihre Kinder fehlen.