Ich habe noch nie Geld für Böller ausgegeben. Doch dieses Jahr werde ich eines dieser Pakete kaufen, die es nach Weihnachten für neunzehn neunundneunzig in allen Supermärkten gibt. Dann, an Silvester, werde ich gegen halb zwölf die Wohnung verlassen und nebenan auf den Parkplatz gehen. Ich werde vorbereitet sein.

Dass ich bisher die Finger vom Feuerwerk gelassen habe, hat mit meiner Kindheit zu tun, besser gesagt mit meinem Vater. Er war damals, als ich in diesem Funkeln-am-Himmel-bedeutet-Funkeln-in-den-Augen-Alter war, freiwilliger Feuerwehrmann. Seither ist "Böllern" in meinem Kopf unwiderruflich damit verbunden, dass man mit jedem Knallfrosch potenziell das Haus abfackeln kann.

Einmal – meine Mutter, meine Geschwister und ich standen am elterlichen Schlafzimmerfenster – brannte unten im Dorf ein Viehstall. Mein Vater half bei den Löscharbeiten. Die Rauchschwaden hatten sich über dem ganzen Dorf ausgebreitet, den Geruch habe ich noch heute in der Nase. Und obwohl sich das sicherlich mitten im Jahr zugetragen haben muss, lassen meine Synapsen keine andere Erinnerung zu, als dass dieser Stall an Silvester gebrannt hat, wegen der Böller, vor denen mein Feuerwehrvater immer gewarnt hat.

2018 aber soll das Jahr werden, in dem ich meine Hirnwindungen neu ordne und mein Verhältnis zum Böller entkrampfe – und hoffentlich lässt sich so auch ein anderer böser Geist vertreiben.

Bislang konnte ich dem Geböller zu Silvester wenig abgewinnen. Ich wohne in Berlin. Dort beginnt das Spektakel schon an den Weihnachtstagen und endet nicht vor dem Nachmittag des Neujahrstages. Dort überbieten sich die Leute darin, die lautesten und gefährlichsten Minisprengsätze direkt vor meinen Füßen zu zünden. Ich muss dann immer – wenn der Schreck vergangen ist – mitleidig an die verängstigten Tiere denken, an weinende Säuglinge und jene, die den Krieg noch in den Knochen haben.

Generell verschwende ich sehr viel Energie darauf, in allen Belangen als Gutmensch dazustehen: Ich besitze kein Auto, fliege möglichst nicht, kaufe ausschließlich bio und fair. Kurz: Böllern passt eigentlich so gar nicht in mein Bild von mir selbst. Man könnte auch sagen, ich bin die Fehlbesetzung schlechthin für die Verteidigung des Kanonenschlags.

Gerade deshalb aber kann ich mich einer gewissen Grundsympathie fürs Feuerwerk nicht erwehren – vielleicht gerade weil alle Welt Böllern für unethisch wie unnötig hält, die Belastung für die Umwelt beklagt und die zugemüllten Straßen für eine riesengroße Sauerei hält.

Überhaupt scheinen die, die sich da beklagen, nur nach einem Grund zu suchen, um sich einmal im Jahr ökologisch überlegen zu fühlen und moralisch auf der richtigen Seite zu wähnen. Die anderen 364 Tage des Jahres fahren sie dann ohne weitere Gewissensbisse Auto, fliegen in den Urlaub oder kaufen beim Discounter. Das alljährliche Gemoser über den Böller verdeckt, dass ein ökologisch reines Gewissen nicht abhängig ist von einer in den Himmel geschossenen Silvesterrakete, sondern von der richtigen Haltung, dem Verhalten an den restlichen Tagen des Jahres.