"Zum Takt des erhabenen Liedes – siehst du an deine Füße beide Meere brausen", singen inbrünstig die Nationalspieler Panamas auf dem großen Monitor, den Text der Hymne ihres Landes vom berühmten Kanal – Himno Istmeño, die "Isthmus-Hymne". Zum allerersten Mal spielt die kleine Nation von vier Millionen Einwohnern bei einer Fußball-WM mit, es ist der Moment vor der ersten Partie gegen Belgien. Gut 11.000 Kilometer vom Spielort Sotschi entfernt, in einem Fernsehstudio des Senders RPC in Panama-Stadt, stehen zwei Moderatoren vor dem Monitor mit der singenden Mannschaft, in dunklen Anzügen wie zur Hochzeit; ergriffen die Fäuste ballend der eine namens David Samudio Garay. Sie sind noch nicht auf Sendung, der etwas korpulentere Kollege Miguel Ángel Remón hat den Kopf an die Wand gelehnt, jetzt fängt ihn die Kamera ein. Eine Flut von Tränen ist ihm in die Augen geschossen, Garay boxt ihm teilnahmsvoll auf die Schulter. Sie umarmen sich aufgewühlt, noch immer hört man die Hymne: "Vorwärts mit Pike und Spaten!" Remón, der die Bilder später ohne Scham ins Netz stellen wird, wirft zitternd den Kopf in den Nacken. "Viva Panamá!", ruft er schließlich überwältigt. Zwei weinende Männer im Anzug repräsentieren die ganze Vorfreude und den Stolz eines Landes. Es sind Bilder, die zeigen, warum Turniere für Nationalmannschaften heute noch Sinn haben, korrupte Funktionäre hin, gierige Verbände her, trotz Erdoğan und seiner Trikotsammlung von Spielern, die er für seine Zwecke vereinnahmt. Turniere, die groß genug sind, damit vergnügte Natiönchen debütieren können. Die aber nicht zu groß werden dürfen, damit eine Qualifikation zur Teilnahme noch so einzigartig bleibt.
Jörg Kramer