Als Frank Reinholtz an einem Donnerstagabend Ende April von seinem Schreibtisch aufsteht, um zu einem Gespräch mit seinem Geschäftsführer zu gehen, erwartet er, dass sie über einige technische Probleme reden werden. Reinholtz leitet die Entwicklungsabteilung bei der mittelständischen Firma und hat sich zurechtgelegt, was er ansprechen will. Doch als er im Büro seines Chefs ankommt, sitzt da auch eine Kollegin von der Personalabteilung. Und das einzige "Problem", um das es in dem Gespräch geht, ist er selbst.

Man wolle sich von ihm trennen, erklärt ihm sein Chef. Ab sofort sei er von der Arbeit freigestellt, selbstverständlich bekomme er eine Abfindung. Dann läuft es ab wie im Film. Reinholtz wird ein Kündigungsschreiben überreicht, er muss seine Büroschlüssel abgeben und seinen Laptop. Später darf er noch einmal – unter Aufsicht – an einen Computer, um ein paar Dinge für die Übergabe an seinen Nachfolger zu regeln. Das war’s.

Seither ist Frank Reinholtz arbeitslos. Seitdem hofft und bangt er, dass ihm jemand anderes die Schlüssel für ein neues Büro überreicht und er endlich wieder arbeiten darf. Denn Reinholtz will arbeiten. Doch die Suche nach einem neuen Job ist schwierig. Viel schwieriger, als man in diesen Zeiten denken würde.

Ständig ist heute von einem Wirtschaftsboom die Rede, vom Fachkräftemangel, sogar von Vollbeschäftigung. Wenn der leicht dahingesagte Spruch je gestimmt hat, "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit", dann muss es wohl heute sein. Die Arbeitslosenquote liegt so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht (zuletzt: 4,8 Prozent). Und so viele offene Stellen wie heute gab es noch nie im vereinten Deutschland – 1,2 Millionen. Erstmals jammert eine Mehrheit der Unternehmer nicht über zu wenig Aufträge, sondern über zu wenig Mitarbeiter. So haben sich die Zeiten geändert.

Die vielen guten Arbeitsmarktzahlen sind wahr, sie beruhen nicht bloß auf statistischen Tricks. Und doch zeigen sie nur die halbe Wahrheit. Ja, früher gab es mehr Arbeitslose. Das stimmt. Trotzdem kommen noch immer auf eine offene Stelle zwei bis zweieinhalb Menschen, die eine Arbeit suchen. Offiziell als arbeitslos registriert sind 2,2 Millionen, addiert man diejenigen hinzu, die beim Arbeitsamt an einer Umschulung, an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder einem ähnlichen Programm teilnehmen, sind es 3,1 Millionen. In jedem Fall sind das weniger als früher – aber es sind eben immer noch ziemlich viele Menschen. Ganz so goldglänzend, wie man vermuten könnte, sind die Zeiten für Arbeitnehmer also nicht.

Außerdem verrät diese Statistik wenig über die persönlichen Chancen. Die können tatsächlich golden sein. Oder auch nur silbern. Oder pechschwarz.

Frank Reinholtz weiß nicht genau, wie er seine eigenen Chancen einschätzen soll. Bei einem Treffen Mitte Dezember sagt er: "Vielleicht im Bronzebereich?" Reinholtz trägt einen schwarzen Pullover und eine schwarze Hose und hat seine langen grauen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der 52-Jährige schwankt zwischen Zuversicht und Zukunftsangst. Auf jeden Fall will er seine Chancen nicht durch einen Artikel in der Zeitung beeinträchtigen, deshalb möchte er hier nicht mit richtigem Namen genannt werden.