Der Reporter Claas Relotius, der dem Spiegel den größten Skandal seiner Geschichte eingebrockt hat, passte perfekt zum Hamburger Nachrichtenmagazin. Seine Textmanufaktur lief blendend, und die Warenproduktion ließ keine Wünsche offen. Doch wenn eine journalistische Marke so störungsfrei funktioniert, muss man fragen, wie ein System beschaffen sein muss, damit Lug und Trug nicht weiter auffallen. Die Erklärung liefert der Spiegel diesmal selbst. In der ersten Stellungnahme nach dem Skandal bekannte Ullrich Fichtner, der designierte Vize-Chefredakteur: "Als Ressortleiter, der solche Texte frisch bekommt, spürt man zuerst nicht Zweifeln nach, sondern freut sich über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien, um Dramaturgie, um stimmige Sprachbilder, es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt?"

Dieser Satz klingt so, als hätte Claas Relotius ihn frei erfunden. Tatsächlich ist er wahr und spektakulär ehrlich. Denn was zählte für die Redaktion bei der Warenanlieferung? Es zählte die "Stimmigkeit". Doch Stimmigkeit ist eine ästhetische Kategorie; sie meint die innere Vollkommenheit eines Kunstwerks, das widerspruchsfreie Verhältnis der Teile zum Ganzen. Stimmig ist eine Komposition, wenn es ihr gelingt, die Welt harmonisch zur Einheit zu bringen.

Ganz anders eine Reportage. Sie erhebt den Anspruch, nach bestem Wissen und Gewissen über die Welt zu berichten. Wie jeder journalistische Text wählt sie einen Ausschnitt; über die Perspektive darf man streiten, über Bewertungen erst recht. Doch die Tatsachen, die sich in einem Weltausschnitt zeigen, sind keine Erfindungen, sie sind – Tatsachen. Sie müssen nicht stimmig sein. Sie müssen stimmen.

Die Ware, mit der Relotius seine Redaktion und das Preisverleihungsgewerbe glücklich machte, hat die Wahrheit durch die Wahrheitsanmutung ersetzt. Der Superstar war kein Berichterstatter; er war ein Dichtergott, der seine Figuren durch die eigene Schöpfung spazieren führte, gern auch unter falschem Namen. Und weil er sich mit seiner Schöpfung auskannte, konnte der Weltbaumeister sie wunderschön erzählen. Im irdischen Theater des Claas Relotius gab es gute Menschen und schlechte Menschen, es gab Täter und Opfer. Hier war ein Paradies und dort eine Hölle. Alles zusammen bildete ein Großes und Ganzes. Es berührte das Herz. Es war stimmig.

Schon seit längerer Zeit beobachten Kulturwissenschaftler einen Funktionswandel journalistischer Texte. Journalisten versuchen, die Realität nicht mehr bloß zu beschreiben, sondern sie zu erzählen – und zwar so, dass der Text eine geschlossene Welt entstehen lässt, in die der Leser eintauchen kann, die ihn abholt und umfängt. Das Fachwort heißt "Atmosphäre", und es hat auch in der Werbung Karriere gemacht. Jede Ware muss eine Atmosphäre verbreiten und eine lebendige Geschichte erzählen.

Solange im Journalismus Fiktionen nicht mit Fakten verwechselt werden, ist gegen Atmosphäre nichts einzuwenden. Doch Relotius hat diese Technik pervertiert. Er unternahm erst gar nicht den Versuch, sich einer unbekannten Wirklichkeit zu nähern; stattdessen erzeugte er atmosphärische Räume und Erlebnis-Höhlen, die perfekt ins gefühlte Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit passten. Gemessen an ihrem Erfolg, erfüllten die Geschichten, die Relotius narrativ eingespeichelt hatte, die Erwartungen von Redaktion, Lesern und Juroren vollkommen. Sie sorgten für Schaudern und Entzücken, denn sie enthielten genau die Klischees, genau die Stereotype, Fantasmen und Deutschmythen, die alle beim Publikum vermuteten. Wie in einem bösen Märchen wurde das amerikanische Städtchen Fergus Falls, in dem viele Bürger Trump gewählt haben, bei Relotius von einem dämonischen Zauber heimgesucht, nur ein, zwei Mutige leisten Widerstand, und auch die Seele des Stadtverwalters ist noch nicht ganz verloren. "Er weiß mehr über das Deutsche Kaiserreich als die meisten Deutschen in seinem Alter." Sogar Mutter Natur ist vom Bösen verhext. Der dunkle Wald, schreibt der Märchenerzähler, sehe aus, als lebten Drachen darin – mythische Wesen, die in früheren Zeiten vermutlich in deutschen Eichenwäldern gehaust haben, nun aber nach Trump-Land ausgewandert sind. In Wahrheit gibt es in Fergus Falls weit und breit keinen Wald. Es gibt nur Steppe.

Nicht die Wahrheit, sondern die ästhetische Performance zählt

Der Goldjunge des Spiegels, so viel weiß man nun, reiste nicht in die Fremde, er reiste ins Eigene. Er ist ein Genie der Einfühlung, denn wo gerade keine passende Wirklichkeit auffindbar war, imaginierte er sich eine. Seine Welt, und das ist schon unheimlich, hatte kein Außen, sie bestand aus Wille und Vorstellung, aus Fiktionen. Relotius klebte der Realität die Embleme an, die er selbst mitgebracht hatte. Dem Spiegel reichte es. "Sagen, was ist."

Wenn man die Sache höher hängt, sieht man, dass in der Relotius-Affäre zwei Theorieschulen eine späte Blüte erleben, die konservative und die postmoderne. Die konservative Schule behauptet, man könne den Selbstlauf der modernen Gesellschaft nur ertragen, indem man ihre Modernisierungsschäden durch tröstende Erzählungen kompensiere. Die postmoderne Denkschule behauptet, die Realität existiere gar nicht, sie sei ein Konstrukt – und Konstrukte solle man besser nicht anrühren, denn am Ende mache man sie noch kaputt.

Erst dieser Hintergrund erklärt, warum Erzählformen im Medienkapitalismus stark nachgefragt werden. Es ist eine Textsorte, die den Leser nicht als politisches Subjekt anspricht, sondern als einen existenziell Trostbedürftigen – als einen Menschen, der die Kontrolle über seine Fantasien verloren hat. Anders gesagt: Die Fakt-Fiktion-Synthesen dienen der pastoralen Daseinsberuhigung und wirken wie eine Therapie. Sie stabilisieren Gefühle und bringen Ordnung ins Chaos. Sie machen das Komplizierte einfach und schaffen Vertrautheit mit einer skandalös unverständlichen Realität. Polkappenschmelze, Flüchtlingstrecks, IS-Terror, Aufrüstung, Trump, Putin – die Menschheit ist verrückt geworden, doch solange ein Reporter sich in diesem objektiven Wahn subjektiv zurechtfindet, kurz: solange er sie zu einem ästhetischen Gesamtkunstwerk aufbereiten kann, so lange scheint nicht alles verloren. Der Schrecken ist gebannt.

Das ist der Grund, warum bei der journalistischen Weltvereinfachungsprosa eines Claas Relotius nicht die Wahrheit zählt, sondern die ästhetische Performance. Die Geschichten müssen fantastisch schön geschrieben sein, denn Schönheit ist der warme Quell der Stimmigkeit. Sie legt einen ästhetischen Zauber über die Dinge und versichert dem Leser, dass es Sinn gibt hinter dem Sinnlosen, sogar Sinn hinter Elend und Unheil. Deshalb scheint die Devise zu lauten: Wir müssen die Welt nicht erkennen, wir müssen sie ästhetisieren, nur so können wir sie ertragen. "An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen." Warum machte Relotius das? Weil er die Wirklichkeit längst als so schockierend fiktiv empfindet, dass er darauf nur mit einer Meta-Fiktion antworten kann? Dann wäre es Literatur, aber keine gute. Gute Literatur zeigt ihre Risse, ihre Grenzen, ihre Brüchigkeit.

Man kann sich an fünf Fingern abzählen, welche Hohn- und Hämespuren die neue Spiegel- Affäre in den politischen Lagern hinterlassen wird. Die völkische Rechte schreit nun erst recht "Lügenpresse"; die Linken werden sagen, dass die Systempresse keine Nachrichten verbreitet, sondern gefühlte Wirklichkeiten für den betreuten Leser. Anstatt Machtstrukturen zu analysieren (oder vor dem nächsten Finanzcrash zu warnen), theatralisiert sie die Wirklichkeit. In der Gesellschaft des Spektakels sind Medien die Agenten der Entpolitisierung.

Auch wenn der Spiegel längst nicht mehr die Fabel vom heilsamen Kapitalismus erzählt – der postmoderne Journalismus erlebt jetzt sein größtes Debakel. Er hat nicht über die Wirklichkeit aufgeklärt, sondern sie in schönen Geschichten aufgelöst und in einen suggestiven Glanz getaucht. Er hat dafür gesorgt, dass der Leser sich keine andere Gesellschaft vorstellen kann als die, die es schon gibt.