Wie steht es um das Genre der Reportage nach dem Betrug von Claas Relotius? Vier Autoren haben darüber nachgedacht: die Reporter Wolfgang Bauer und Malte Henk von der ZEIT, die freie Reporterin Alexandra Rojkov und der Autor Konstantin Richter.

Ich bin selbst Reporter. Ich habe schon Journalistenpreise gewonnen und mich darüber gefreut. Vor zwei Jahren stand ich sogar neben Claas Relotius auf der Bühne bei der Verleihung des Deutschen Reporterpreises, weil ein Kollege von der ZEIT und ich eine Reportage geschrieben hatten, die sich den Preis teilte mit einem seiner Märchen. Und natürlich ist da bei mir neben der Fassungslosigkeit über den Betrug der Drang zur Selbstbefragung, jetzt, wo überall die Rede ist vom Hollywood-Journalismus preisgeiler Möchtegern-Spielbergs. Wo mich ein Freund aus der Autobranche anruft und mitfühlend Vergleiche zieht zum VW-Skandal. Wo mein Vater eine SMS schreibt: "Ich hoffe, Du musst keinen Preis zurückgeben!" Und: "Sorry. War ein Versuch von Ironie."

Ich würde die Debatte über das Genre der Reportage hier gern anhand dreier Beispiele aus dem Arbeitsalltag führen, aus dem Maschinenraum des Reporters sozusagen. Ich halte an diesen drei Beispielen nichts für illegitim.

Erster Fall: Ich schreibe 2014 ein ZEIT-Dossier über die Einsamkeit junger Japaner. Etwa zwei Wochen lang lese ich Bücher und Berichte und telefoniere mich durch die Welt der Experten. Dann die eigentliche Recherche: Noch einmal zwei Wochen lang laufe ich durch Tokio, mithilfe eines lokalen Mitarbeiters und einer Fotografin lerne ich zahlreiche Japaner kennen. Am Ende der vier Wochen habe ich viele Dutzend Gespräche und Begegnungen gesammelt, habe nachts wach gelegen und überlegt: Was machst du daraus? Die Realität ist immer struppig und störrisch.

In meiner Reportage (ZEIT Nr. 24/14) tauchen keine Experten und Fachbücher auf. Stattdessen fokussiere ich auf vier junge einsame Japaner. Die soziologisch-ökonomischen Erklärungen für das Phänomen Einsamkeit, sie sollen durch einige wenige Szenen gewissermaßen illustriert werden, Szenen, die meine vier Japaner in ihrem Handeln beschreiben, wie ich es erlebt habe. Diese vier haben mich – wie soll ich sagen – berührt. Um sie in den Vordergrund zu holen, schiebe ich mein Recherchewissen bewusst in die Kulisse. Aber das Wissen bleibt ja da. Nichts ärgert mich mehr als der Verdacht, wir Reporter würden in die Welt hineinstolpern wie fröhliche Welpen. Und hierin liegt der größte Verrat, den Erfinder und Zurechtbieger wie Relotius begehen – es ist der Verrat am Ringen von uns anderen mit der Wirklichkeit.

Zweites Beispiel: die zu Recht mit wichtigen Preisen ausgezeichnete Spiegel-Reportage über den Wahlkampf von Martin Schulz. Der Reporter Markus Feldenkirchen hat Schulz von März bis September 2017 begleitet. Sein Text bildet den Wahlkampf chronologisch ab, vom Anfang bis ans Ende – mit einer Ausnahme. Die Reportage beginnt so: "Noch fünf Stunden, dann wird er wissen, wie diese irre Mission endet. Er sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Würselen (...). Jetzt irgendwie die Zeit rumkriegen. Der Kanzlerkandidat hat einen Pott Filterkaffee aufgesetzt, aber seine Frau stellt ihm lieber einen Kräutertee hin. Sei besser, bei all der Nervosität und Anspannung."

Einmal also springt der Reporter aus dem Fluss der Ereignisse heraus. Er identifiziert den Moment kurz vor dem dramatischen Höhepunkt, hier den Morgen vor dem Wahlabend, und stellt ihn an den Beginn seines Textes. Klassische Methode zum Spannungsaufbau und zum Nachweis der Nähe von Erzähler und Erzählgegenstand. Obwohl ich sie von unzähligen Dokumentar- und Spielfilmen kenne, ja, obwohl ich beim Lesen längst weiß, dass der Wahltag für Schulz nicht gut ausgegangen ist – in die Schulz-Story hineinreißen lasse ich mich trotzdem. Ich finde, wenn eine Reportage mit solchen Anreizen arbeitet, spricht das nicht gegen sie.

Dritter Fall: Ich begleite ein Team bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Dieses Team steuert eine Raumsonde zu einem fernen Kometen, ein abstrakter Vorgang, die Sonde besteht für das Team nur aus Computercodes. Alle paar Wochen reise ich für einige Stunden aus Hamburg an. Einmal erzählt mir der Teamleiter: Um sich selbst daran zu erinnern, dass da draußen im All eine echte Sonde fliegt, gehe er manchmal zu einem baugleichen Modell dieser Sonde. Das interessiert mich, dabei möchte ich ihn beobachten. Ich frage ihn also, ob ich mal mit darf zu dem Modell. Wir machen einen Termin für meinen nächsten Besuch bei der Esa aus. Als ich eintreffe, geht er mit mir zur Sonde. Und hier entsteht möglicherweise eine winzige Beugung der Realität. Macht er das jetzt für sich selbst? Oder auch für mich? Kaum zu sagen.

In der Reportage (ZEIT Nr. 46/14) steht dann: "Accomazzo betritt manchmal einen kleinen verglasten Raum auf dem Gelände der Esa in Darmstadt. Dort steht ein Modell, ein Zwillingsbruder der echten Raumsonde. Sanft streichelt Accomazzo über die Nähte der Schutzfolie ... 'Wollte immer durchs Weltall fliegen', murmelt er."

Alles genau so passiert. Allerdings leistet sich mein Text eine Unschärfe, indem er vom Allgemeinen ("betritt manchmal") ins Konkrete springt. In ein Geschehen, das beides ist, authentisch und artifiziell. Es fand damals so oder so ähnlich ständig statt – zugleich hat in jenem einen Moment meine Anwesenheit das von mir Erlebte beeinflusst. Man steht als Reporter ständig vor der Frage, wie sich das herausbildet, was wir "Wirklichkeit" nennen.

Szenische Verdichtung. Dramaturgisches Anordnen. Teilnehmende Beobachtung. Sollen sie im Post-Relotius-Zeitalter noch eine Rolle spielen? Ich finde: unbedingt. Es gibt den seelenlosen Drehbuchjournalismus, wer wollte das bestreiten. Aber das heißt doch nicht, dass Reporter sich nicht um die Wahrheit bemühen, nur weil sie erzählerische Mittel einsetzen, um Komplexes am Konkreten darzustellen. Nichtfiktionales Erzählen sei ein Problem, "weil wir die Welt damit systematisch verzerrt vermitteln", lese ich in einem derzeit recht typischen Debattenbeitrag zum Fall Relotius und denke mir: Hm.

Es hilft vielleicht, daran zu erinnern, dass die historischen Wurzeln solchen Erzählens weiter zurückreichen als zum New Journalism von Literatenjournalisten wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson. Die moderne Reportage entstand bereits im 19. Jahrhundert, sie war eine Antwort auf den Schock des Lebens in der Industriegesellschaft. Armut und Reichtum, Fabriken und Villen, so viele Gegensätze, so viele Lebenswelten. Es waren nicht zuletzt Reporter, die damals auszogen in die Slums, um dem Bürgertum davon zu berichten. Mag ja sein, dass sie die Realität "verzerrt vermittelten". Sie machten sie überhaupt erst kenntlich, das war das Entscheidende.

Heute ist die Herausforderung durch die Wirklichkeit ähnlich groß, deshalb bitte gern mehr Reportagen. Reportagen, in denen Menschen nicht nur als Experten und Funktionsträger interessant sind, Reportagen, durchdrungen von Wissen und Recherche, Reportagen als Trainingsorte für Empathie, Reportagen, denen man das Nachdenken der Autoren über die eigene Rolle anmerkt. Es gibt solche Texte, sie werden unter Reportern gefeiert – mindestens so sehr wie Claas Relotius, der nicht der Superstar war, zu dem er jetzt gemacht wird. Relotius ist jung. Aber in seinen Themen und im Habitus seiner Texte war er eine altmodische Figur. Sein Fall wird den Fortschritt beschleunigen.

Gern weniger Journalistenpreise, gern weniger "And the winner is ..."- Momente auf Preisverleihungen, wobei: Keiner meiner Reporterfreunde designt sich seine Artikel auf irgendwelche Branchenauszeichnungen hin. Wirklich keiner. Ich weiß nicht, ob Sie das glauben, aber die meisten Reporterinnen und Reporter wissen genauso gut wie andere Journalisten, dass "Wirklichkeit" im Journalismus immer nur sprachlich vermittelt sein kann. Jetzt, in der Relotius-Krise, wissen sie es vielleicht sogar besser.