Wie frei können katholische Theologen an den Unis forschen – wenn jederzeit eine Maßregelung aus Rom drohen kann?

In einem Erfurter Oberseminar beugen sich zwölf Personen über den Katechismus, eine Art Handbuch für katholische Gläubige. "Gestützt auf die Heilige Schrift", steht da, "hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, dass homosexuelle Handlungen in keinem Fall zu billigen sind."

Neben den Katechismus legen die zwölf ein zwei Jahre altes Interview. Der Rektor der katholischen Hochschule St. Georgen, Ansgar Wucherpfennig, hat es der Frankfurter Neuen Presse gegeben. Warum die katholische Kirche Homosexualität so sehr ablehne, wird Wucherpfennig gefragt. "Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind", antwortet er. Wucherpfennig ist Priester und Bibelwissenschaftler. Das Interview hätte ihn beinahe seine dritte Amtszeit als Rektor gekostet. Im Vatikan zweifelte man daran, dass der Theologe anerkennt, dass die Kirche schwulen oder lesbischen Sex verbietet.

"Wir sind die Texte Satz für Satz durchgegangen, und dann haben wir diskutiert", erzählt später Dominique-Marcel Kosack, der bei dem Oberseminar dabei war. Er promoviert an der katholisch-theologischen Fakultät in Erfurt zur christlichen Erlösung. Im Oberseminar seiner Doktormutter besprechen sie aktuelle Fragen der Theologie – und alle beschäftigt der Fall Wucherpfennig. "Wir haben uns gefragt, wie Theologie mit dieser Spannung umgehen kann", sagt Kosack. Auf der einen Seite stehen die Sätze aus dem Katechismus. Festgehalten ist darin das, was die katholische Kirche – über Jahrhunderte hinweg – für richtig und falsch erklärt hat. Dieses "kirchliche Lehramt" ist für Katholiken bindend. Auf der anderen Seite sind da die Zweifel des Paters Wucherpfennig, die stellvertretend für den gesellschaftlichen Konsens stehen: "Jeder von uns hat schwule und lesbische Freunde", sagt Kosack. "Wie kann Kirche ihnen gegenüber offen sein? Alle im Seminar haben die Argumente des Lehramts infrage gestellt." Ängstlich habe niemand gewirkt.

Aber wie kritisch dürfen katholische Theologen tatsächlich mit dem umgehen, was ihre Kirche aufgeschrieben hat – ohne dass der Vatikan dies als Angriff wertet und sie dafür gar sanktioniert, wie kürzlich im Fall Wucherpfennig? Seine Aussage in der Zeitung führte dazu, dass er nach seiner Wahl zum Rektor im vergangenen Februar monatelang nicht wusste, ob er das Amt würde antreten dürfen. Dafür ist eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Vatikans nötig, unter Theologen als "nihil obstat" bezeichnet, "nichts steht dagegen". Doch statt seiner Wahl zuzustimmen, forderte Rom den Pater auf, sich öffentlich zur kirchlichen Ablehnung von Homosexualität zu bekennen. Professoren in ganz Deutschland empörten sich und erklärten Wucherpfennig ihre Solidarität. Papst Franziskus selbst habe die Theologen aufgefordert, mutig zu forschen. Es gehe um die "Glaubwürdigkeit der Theologie".

Ansgar Wucherpfennig ist inzwischen von Rom gebilligt worden. Doch sein Fall wirft Fragen auf, die für die Theologie an der Universität jetzt wichtiger sind denn je. Zu einer Zeit, da sich die Kirche massiver Kritik bei ihrem Umgang mit sexuellem Missbrauch stellen muss: Darf Rom noch mitbestimmen, wann jemand orthodox genug ist für die Lehre? Was erwartet Rom von den Theologen? Passen kirchliche Dogmen und staatlich garantierte Wissenschaftsfreiheit überhaupt zusammen?

Im Fach Katholische Theologie sind Kirche und Universität seit je verbunden. Im Mittelalter galt die Theologie als Hüterin der Wahrheit schlechthin. Seit der Reformation gibt es getrennte konfessionelle Fakultäten, in der Aufklärung wurden die Forschungsmethoden strenger. Die Verbindung zwischen Uni und Kirche blieb, sie wird bis heute in Staatskirchenverträgen der Länder geregelt. Tatsächlich kann in Deutschland niemand Priester oder Pfarrerin werden, ohne an einer Hochschule studiert zu haben. Das ist nicht zuletzt ein Ergebnis des Kulturkampfs im 19. Jahrhundert, als Preußen und später das Deutsche Kaiserreich unter Bismarck versuchten, das Personal der Kirchen und damit auch ihre Lehre zu kontrollieren. Theologieprofessoren werden von der Uni berufen, das Land bezahlt sie. Doch katholische wie evangelische Kirche haben bei der Berufung ein Vetorecht, weil die Theologie als Teil der kirchlichen Verkündigung gilt.

Es gibt in Deutschland elf katholisch-theologische Fakultäten an staatlichen Hochschulen, dazu kommen rund 30 theologische Institute, an denen Religionslehrer ausgebildet werden – noch einige mehr auf evangelischer Seite. Theologen beantworten Grundfragen des menschlichen Lebens; Freiheit, Würde, Tod, Gerechtigkeit sind ihre Themen. Dabei gehen sie immer davon aus, dass es Gott gibt. Der Wissenschaftsfreiheit stehe das nicht entgegen, sagt der Wissenschaftsrat. In Zeiten der Pluralisierung gebe es eine "steigende Nachfrage nach wissenschaftlichen Perspektiven zu Fragen der Religion".

Staatskirchenrecht bedeutet aber, dass Kirche immer mitredet: bei jedem neuen Studiengang, bei jeder Berufung. Zuständig ist die "Kongregation für katholisches Bildungswesen", eine Verwaltungsbehörde im Vatikan, besetzt mit 31 vom Papst ernannten Kardinälen und Bischöfen und einem kleinen Stab an Mitarbeitern und wissenschaftlichen Beratern. Die Hochschul-Abteilung betreut weltweit 700 katholische Hochschulen und Fakultäten.

Die Bischöfe in Rom bestätigen Rektoren und Dekane im Amt, sie machen Vorschläge für Berufungskommissionen, sie prüfen, wenn ein Theologe Vorbehalte gegen einen Kollegen vorbringt. Bei Problemen wenden sie sich an den Bischof vor Ort, der die Situation meist besser einschätzen und regeln kann. Meist laufe die Zusammenarbeit mit den Unis gut, berichten Mitarbeiter sowohl in Rom als auch an den Unis. Julia Knop, Dogmatikerin in Erfurt – sie hat das Wucherpfennig-Oberseminar in Erfurt organisiert –, sagt: "Dass Rom auf deutsche universitäre Belange Einfluss nehmen kann, ist rechtlich geregelt und wird grundsätzlich auch akzeptiert. Aber wie das geschieht, kann schon problematisch sein."