Willkommen in Daressalam! Das Nationalmuseum von Tansania © Bertrand Rieger/Getty Images

Flower Manase ist nicht zu bremsen. Sie verstehe das alles nicht, sagt die junge Museumsexpertin, die übertriebene Erregung, die Restitutionsdebatte in Europa, die Meinungsschlachten über die richtige Kulturpolitik. Als ginge es um eine epische Auseinandersetzung, Gut gegen Böse – nur nicht wirklich um Afrika.

"Die ganze Debatte, die jetzt über die Rückgabe der afrikanischen Kunstwerke aus Europa tobt, geht doch völlig an uns vorbei. Der Fokus sollte nicht auf den europäischen Museen liegen, sondern auf uns, auf dem, was in Afrika geschieht. Unsere Wünsche und Interessen spielen aber offenbar keine Rolle. Wer hat uns eigentlich gefragt, was wir Afrikaner wollen?"

Flower Manase ist das Gesicht einer neuen, kritischen Generation von Afrikanern. Sie ist jung, bestens ausgebildet und notfalls respektlos. Ihre Laptoptasche ist aus verschiedenen afrikanischen Stoffen und Mustern zusammengenäht, ein Designerstück und traditionell zugleich. Sie wurde zu Diskussionsrunden nach Deutschland eingeladen, war auch schon mal in Berlin beschäftigt, als Gastkuratorin. Und sie ist Leiterin der Geschichtsabteilung und der Pädagogik am wohl schönsten Museum Ostafrikas: dem Nationalmuseum von Tansania in Daressalam.

Ein heller, leichter Bau, der von Oscar Niemeyer stammen könnte. Tropische Architektur inmitten von Feigenbäumen und Tamarinden. Das Nationalmuseum liegt in der äußersten Ecke des Botanischen Gartens, der einmal von Deutschen angelegt wurde. Drum herum tobt das Leben, werden Früchte angeboten, und Frauen schöpfen Gemüse aus riesigen Pfannen. Das Museum selbst ist ein Epizentrum des tansanischen Kulturlebens, ein lebendiges Forschungs- und Tagungszentrum. Der ideale Ort für die Museumsleute Ostafrikas, um über die Zukunft ihrer Häuser nachzudenken. Noch nie hat es ein solches Treffen gegeben.

Doch erst mal müssen wir an der Kanone vorbei, die den Haupteingang des Nationalmuseums flankiert. Ein schlankes, elegantes Geschütz, das einst Geschichte schrieb. "Die deutsche Kriegsmarine patrouillierte damit im Ersten Weltkrieg vor den Stränden Deutsch-Ostafrikas", erzählt ein Mann im weißen Kittel, der gerade dabei ist, das Eisenrohr liebevoll zu polieren. "1916 haben sie damit vor der Küste von Sansibar ein britisches Kriegsschiff versenkt." Im selben Jahr allerdings ging die Herrschaft der deutschen Kolonialherren mit einer Niederlage zu Ende.

Frank Williams wirkt in seinem Kittel, als wäre er ein Arzt oder als gehörte er zur Putzkolonne. Doch er arbeitet als Wissenschaftler am Nationalmuseum, und während er noch mit diversen Tüchern hantiert, erzählt er: "Die Deutschen waren sehr brutal. Viele Menschen starben, weil die Kolonialherren keine Verträge mit den afrikanischen Stämmen schlossen, weil sie die Felder verbrannten und Hungersnöte mit Hunderttausenden von Opfern auslösten."

Diese Grausamkeiten sind in Tansania noch heute präsent, aber nicht als Mahnmal, sondern als große Leerstelle. "Das Wichtigste, was uns die Europäer weggenommen haben, waren keine Objekte. Sie haben das afrikanische Selbstbewusstsein ausgelöscht", sagt der Journalist und Dozent Charles Kayoka, der kurze Rastalocken trägt und der die Diskussionen im Nationalmuseum moderiert. "Der Kolonialismus hat unser Selbstwertgefühl zerstört. Manche Afrikaner wollten sogar wie die Deutschen sein, anstatt an unsere eigene Kultur zu denken. Jetzt ist es Zeit, die gestohlene Identität zu reparieren."

Deshalb sind sie ja auch gekommen, rund zwei Dutzend Museumsdirektoren und Kuratoren aus Tansania, Burundi und Ruanda. Sie treffen sich – auf Einladung des deutschen Goethe-Instituts – zu einem sogenannten Museumsgespräch. Ausgang offen. "Wir wollen erst mal zuhören, losgelöst vom Diskurs in Europa, von Streit um das Humboldt Forum und der herrschenden Polemik", sagt der Leiter des Goethe-Instituts in Daressalam, Frank Werner, ein äußerst zurückgenommener Vermittler. "Wir wollen wissen, was die Perspektive dieser neuen afrikanischen Generation ist – und welche Antworten sie sucht."