Die Trilogie über den obdachlosen Ex-Plattenverkäufer Vernon Subutex und seine Freunde aus der alternden Pariser Punkrockszene enthält die Vorgeschichte zum Aufstand der Gilets Jaunes (Gelbwesten). Die abgerissenen französischen Herrschaften, die in den insgesamt über tausend Seiten der drei Bände von Virginie Despentes in einer kraftvollen, rauen Kunst-Proll-Prosa ausführlich zu Worte kommen, stammen zwar nicht aus der Provinz der Abgehängten, sondern aus der in die Jahre gekommenen Pariser Gegenkultur. Doch bietet der Chor der abgewirtschafteten Punk-, Film- und Porno-Veteranen ebenfalls einen guten Einblick in die enttäuschten Hoffnungen und verlorenen Illusionen an den oberen und unteren Abbruchkanten der französischen Gesellschaft.

Virginie Despentes erzählt von den Überlebenden der westeuropäischen Jugendkultur der 1970er-Jahre, die schlecht gealtert sind und deren Träume sich nicht erfüllt haben. Die ersten beiden Bände ihrer Trilogie verfolgten den unaufhaltsamen Abstieg der Generation der 50-Jährigen, die aus ihren Pariser Wohnungen gedrängt und an den gesellschaftlichen Rand geschoben werden. Allen Bänden ist ein umfangreiches Personenverzeichnis vorangestellt, das vor allem davon handelt, was das Romanpersonal alles nicht mehr macht: Platten verkaufen, Pornos drehen, an der Börse zocken, Drehbücher schreiben, Filme drehen, in einer Band spielen und so weiter.

Stattdessen versammelt sich die Schar der Gescheiterten um den nach der Ersatzdroge Subutex genannten Titelhelden, einen Clint Eastwood des Pariser Undergrounds, der in den Buttes-Chaumont im Freien lebt und dort alle tröstet, die den Niedergang von Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll im neuen, cleanen Jahrtausend nicht verwinden können. Man lebt von den Legenden von vorgestern, jagt irgendwelchen Reliquien der eigenen glanzvollen Vergangenheit hinterher und dreht sich im Kreis einer eher schwach motivierten, dem Prinzip amerikanischer Fernsehserien folgenden Handlung aus lose aneinandergereihten Miniaturskandalen (ein Pornofilmproduzent wird von zwei Frauen überfallen und misshandelt, ein alter Trinker gewinnt eine Million im Lotto, eine selbst ernannte Privatdetektivin fahndet nach den Videokassetten eines verstorbenen Punk-Idols, ein kokainsüchtiger Ex-Trader schmeißt verrückte Partys in seiner Luxuswohnung).

Der letzte Band der Trilogie führt zum ersten Mal aus dem Pariser Subkultur-Ghetto heraus, es kommen trostlose Fertighausgebiete, Supermärkte, Werbetafeln an Strommasten, riesige Hallen für Heimwerkerbedarf ins Bild: die vom Billig-Kapitalismus verwüstete Heimat der Gelbwesten. "Frankreich", sagt jemand aus der mit dem Punk-Heiland Subutex durch die französische Provinz ziehenden Truppe, "ist das Land in Europa, das seine Vorstädte am heftigsten massakriert hat, dieser Mist ist schlimmer als Krebs." Von der französischen Politik erwartet das Romanprekariat von Virginie Despentes absolut gar nichts mehr: "Sie scheißen auf uns."

Der rote Faden, der die flatternde Timeline dieses Romans zusammenhält, ist die sozialromantische Idee, die Utopien der alten Gegenkultur (berauschende Tanzfestivals, solidarisches Gemeinschaftsleben der Unterdrückten, franziskanischer Antimaterialismus) noch einmal durchzuspielen – und noch einmal scheitern zu lassen. Die Jüngerschar um den Titelhelden geht aus allerhand selbst verschuldeten Gründen bald wieder getrennter Wege und lamentiert in den Nächten der Proteste auf der Place de la République im Frühjahr 2016 über die Alternativlosigkeit der Verhältnisse: "Es gibt nur eine denkbare Zukunft, das ist mehr Liberalismus und noch mehr Liberalismus."

Mit anderen Worten: Der Frankreich- und Gegenwartsekel der linken Feministin und Filmemacherin (Fick mich) steht dem des großen französischen Literatur-Reaktionärs Michel Houellebecq kaum nach, obwohl Despentes den Untergang des Abendlandes nicht höhnisch, sondern mit kaltschnäuziger Empathie intoniert. Rabiat und blutig wie in der Pariser Wirklichkeit geht es auch bei ihr zu: Im Jahr des Bataclan-Attentats lässt sie ihre Truppe aus Ex-Rockern und Ex-Pornoqueens während einer Rave-Party von einer jungen Frau kurzerhand niedermähen. Die abgewirtschaftete Befreiungsbewegung stirbt wie die frühen Christen in den Arenen des römischen Imperiums.

Ist Virginie Despentes nach dem Abschluss dieser drei Bände nun, wie vielfach behauptet, ein weiblicher Balzac des 21. Jahrhunderts? Eigentlich nicht, denn ihr Porträt der sich an den Rändern vollständig auflösenden französischen Gesellschaft zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Der ist allerdings explosiv. Die Pariser Autorin, die aus ihrer Vergangenheit als Prostituierte, Pornodarstellerin und Alkoholikerin keinen Hehl macht, schreibt mit ihren drei Vernon Subutex- Bänden eine Geschichte des anderen Frankreich, das nicht das samtpfötchenweiche Französisch vom Sender France Culture spricht. Die Geschichte von Leuten, die es allein deshalb nie schaffen werden, weil "sie die falsche Postadresse haben", wie es in dem Roman heißt.

Im Epilog werden die übrig gebliebenen Anhänger der alten Pariser Gegenkultur im Jahr 2100 verfolgt und hingerichtet. Dennoch irren am Ende des zweiten Jahrtausends noch immer ein paar Aufrechte, in denen ein Funken des alten Freiheitsversprechens nachglüht, "auf Schmuggelpfaden" durch die vom globalen Kontroll-Kapitalismus kontaminierte Welt. Europa ist zu diesem Zeitpunkt in drei große Zonen aufgeteilt: "Lager zur Energieproduktion, Lager für Organspenden und Menschenexperimente und Urlaubsorte". In der Erinnerung an die gescheiterten Subkultur-Götter der Vergangenheit liegt ihre letzte Hoffnung. Mit diesen Aussichten findet der kalte Sozialkitsch der Trilogie von Virginie Despentes einen letzten Höhepunkt. Einen bewegenderen Nachruf auf die subkulturellen Aufbrüche des 20. Jahrhunderts, von denen außer ein paar guten Platten nicht viel geblieben ist, hat es noch nicht gegeben.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3. A. d. Frz. v. Claudia Steinitz; KiWi, Köln 2018; 416 S., 22,– €, E-Book 18,99 €