Die Nacht beginnt mit Nebel. Kalt und feucht hängt er im Gewerbegebiet am Bremer Stadtrand. Die meisten Mitarbeiter eilen aus ihren Büros zu ihren Autos, nach Hause in den Feierabend. Die Straßen leeren sich. Für Susanne Philipp aber wird es hektisch. Sobald die Städte zur Ruhe kommen, geht für die Lkw-Fahrer der Stress los. Und wenn die meisten Menschen längst in ihren Betten liegen, tobt auf Raststätten in ganz Deutschland der Kampf um einen Schlafplatz.

Susanne Philipp, 50, kennt dieses Ritual. Seit sechs Jahren chauffiert sie für die Nagel-Group, eine Spedition mit 12.000 Mitarbeitern, Lebensmittel zu Supermärkten in der ganzen Republik, fünf Tage die Woche, manchmal sechs. Sie hat auf der Straße erlebt, was man in den Statistiken sehen kann: Die Zahl der Waren, die über die Autobahn transportiert werden, ist mit den Jahren gewachsen. Immer mehr Touren, immer mehr Lkw. Allein 2017 stieg der Güterverkehr um mehr als zwei Prozent, auf dreieinhalb Milliarden Tonnen Ladung.

Zu den Fahrern aus Deutschland kommen jene, die auf der Durchreise sind, nach Nord, nach Süd, nach Ost, nach West. Allesamt Arbeitskräfte, die regelmäßig Pausen machen müssen. Das ist so Gesetz. Es gibt nur ein Problem: Viel zu wenige Parkplätze. 11.000 fehlen derzeit, schätzt das Bundesverkehrsministerium, andere sprechen sogar von 30.000. Gerade jetzt um die Weihnachtszeit, wenn Millionen Pakete zusätzlich transportiert werden, wird es eng. Für die Fahrer, die in ihren Kabinen schlafen sollen, wird das zu einem täglichen Drama.

Das Navi nennt sie "mein Schatz"

Das Problem besteht schon länger, inzwischen treibt es auch die EU um. Erst vor wenigen Wochen kündigten die Verkehrsminister neue Gesetzesvorschläge an, das Parlament soll nun darüber entscheiden. Künftig, so sehen es die Vorschläge vor, sollen die Speditionen den Fahrern nach einer Woche Arbeit ein Hotel zahlen müssen. Wer wissen will, wie ihr Alltag auf der Autobahn aussieht und was sie von den Ideen der Politiker halten, verbringt am besten eine Nacht auf ihrem Beifahrersitz. Im Lkw von Susanne Philipp heißt das an diesem Abend: von Bremen bis kurz vor Berlin nach Wustermark und zurück.

Es ist kurz nach halb acht, Susanne Philipp zieht sich am Eisengriff die Treppe hoch in ihren Laster. Oben in der Fahrerkabine nimmt sie ein Navi aus ihrer Reisetasche und klemmt es vor das Lenkrad. Sie hat es von zu Hause mitgebracht, weil sie ihm mehr vertraut als dem im Wagen. "16 Kilometer Stau auf der A7", sagt die Frauenstimme. "Ja, ich weiß, mein Schatz", sagt Philipp, seufzt und tritt aufs Gaspedal.

Anders als viele Fahrer hat sie ihren Lkw nicht dekoriert, keine Lichterketten, keine Wimpel, keine Kuscheltiere. "So ein Gedöns mag ich nicht", sagt Philipp. "Außerdem dürfen bei uns nur die Tramper ihre Wagen schmücken." Sie meint die Fahrer, die wochenlang immer im selben Lkw auf der Straße unterwegs sind. Susanne Philipp ist Poolfahrerin. Sie springt ein, wenn jemand ausfällt, egal welche Tour, egal in welchem Lkw, mal lange Strecken, mal nur ein paar Stunden. Neben ihr im Auto liegt nur eine blau-weiße Tasche, darin frische Unterwäsche, Ladekabel, Zahnseide. "Ich bin auf alles vorbereitet." Und das muss sie auch sein.

Pausen müssen sein

An diesem Tag hat sie eine kürzere Tour erwischt, 720 Kilometer insgesamt, mit Tempo 80. Viereinhalb Stunden plant ihre Spedition für eine Strecke, mit Pausen knapp zehn für den Hin- und den Rückweg. Obwohl Philipp diesmal etwas mehr Zeit hat, will sie schnell vom Hof kommen. Mit ihren langen Fingernägeln, glitzerrot und silberfarben, "noch von der Weihnachtsfeier", tippt sie auf ihrem Lenkrad herum.

Die Schuld an ihrer Unruhe gibt sie dem schwarzen Kasten mit orangefarbenem Display, der schräg über ihrem Kopf in der Wand verbaut ist. Der Fahrtenschreiber dokumentiert, ob sie sich an die gesetzlich vorgegebenen Ruhezeiten hält. "Ich muss Pause machen, sonst zahle ich Strafe."