Der Spiegel macht sich in dieser Woche selber zur Titelgeschichte. Aber so unerhört war die Fabulierkunst des Claas Relotius nicht. Seine Brüder bei der New York Times und U.S.A. Today hießen Jayson Blair und Jack Kelley; deren Lügenreportagen kosteten ihre Chefredakteure den Kopf. Unvergessen sind die 63 "Tagebücher" Adolf Hitlers, die ein brillanter Fälscher an den stern verhökert hatte. Auch dessen Chefs stürzten.

Es knirscht also im System, was zu Häme und Argwohn (ver)führt. Nur verhalten sich freie Medien nicht wie die russischen "Kollegen", die mit Lug und Trug die Demokratien unterwandern. Ein Relotius macht noch keine "Lügenpresse". Das allzu Menschliche spielte überall die Hauptrolle: Eitelkeit, Ambition, Gier nach Ruhm. Dazu die Auflage. Und das Grundvertrauen in die eigenen Leute. Nur Steuerfahnder wittern grundsätzlich Unterschleif.

Die Relotiuse sind keine Steuersünder, sondern kleine Götter, die massenweise Preise abgeschleppt haben. Solche Stars sollen die Faktenchecker ins Kreuzverhör nehmen? Jeden Zitierten anrufen? Theoretisch ja; in der Praxis vertraut man dem Autor, der doch einer von uns ist und den Ruhm des Blattes gemehrt hat.

Unbewusst schleichen sich andere Mechanismen ein. Relotius hat zwei Glanzstücke aus Amerika geschrieben: "Jaegers Grenze", wo selbst ernannte Milizionäre Jagd auf Illegale aus Mexiko machen, und "In einer kleinen Stadt" namens Fergus Falls. Hier wurde jedes Amerika-Klischee bedient, das Deutsche (und Europäer) im Kopf tragen: Kleingeist, Brutalität, Fremdenhass, Waffenwahn, Rückständigkeit, Intoleranz, kurz: Trumpismus überall.

Zwei US-Bürgerreporter haben die Story über Fergus Falls nachrecherchiert; es war ein Lügengespinst von epischer Länge. Nein, ihr Stadtverwalter ging nicht mit der Beretta ins Office, das Schild am Ortseingang – "Mexicans keep out!" – gab es nicht. Ihr Fazit: "Relotius kam mit einer vorgefertigten Idee und fand diese Geschichte hier nicht vor." Also schrieb er seine eigene – bis ins kleinste, plastische Detail. Dito in "Jaegers Grenze". Die Botschaft: So sind die Amis.

Die beiden Nachforscher von Fergus Falls resümieren: Der Bericht sollte ein "hässliches und verzerrtes Stereotyp aufrechterhalten". Das Vor-Urteil sucht sich seine Fakten selber, und die Story war perfekt, bestätigte sie doch, was so viele über Amerika denken. Also musste sie stimmen. Wozu im Text graben und bohren? Selbst als die ersten Verdachtsmomente durchs Haus schwirrten, obsiegte die Autorität des preisgekrönten Reporters, der so schön und bestechend schrieb. Das Renommee des britischen Historikers Hugh Trevor-Roper gab auch den Ausschlag bei den Hitler-Tagebüchern. Ja, sie seien echt, dozierte die Koryphäe.

Man glaubt, was man glauben will, und in diesem Sinne brachte Relotius ein tadelloses Porträt des Ugly American-Amerikas mit nach Hause. Was daraus folgt? Nicht der Generalverdacht à la "Lügenpresse". Solche Skandale sind Gift für respektable Blätter, aber gut für den Journalismus. Sie lehren, dass in unserem Gewerbe vorweg Wahrhaftigkeit und Überprüfbares zählen; wenn das Stück auch noch glänzend geschrieben ist, umso besser. Die schlichte Moral? Manche Geschichten sind zu gut, um wahr zu sein. Erst recht solche, die so glatt ins mentale Schema passen.